„Dreams…“ – Gedanken zum Eurotreff 2017 in Wolfenbüttel

Es war keine gute Zeit für mich, als ich aufgerufen war, die Stücke zu benennen, die ich mit ca. 80 jungen Menschen im Kinderchoratelier des Eurotreff 2017 erarbeiten und aufführen wollte. Aus verschiedenen Gründen war ich im Februar/März sehr auf mich zurückgeworfen, habe viel überlegt, was ich mit meinem Leben eigentlich will – nicht nur mit dem privaten, sondern auch mit dem beruflichen. Nicht zum ersten Mal in meinem Leben war die Musik, das aktive Musik machen wohl das, was mich getröstet hat und mir Halt gab, was mich aufbrechen ließ. Angesprochen von Freunden darauf in dieser Zeit habe ich nicht nur einmal geantwortet: ja, das ist keine gute Zeit, aber meine Musik wird dadurch besser. Sie wird substanziell, im besten Falle existenziell – und das ist es, wofür ich als Musiker lebe.

Neben dieser höchst persönlichen Ebene habe ich in dieser Zeit über meine Tochter einige junge Geflüchtete kennengelernt, ich war sogar auf einen Geburtstag eingeladen und es war offensichtlich ein großes Ereignis und eine große Freude, dass ich als alter, deutscher, katholischer Professor in die Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gekommen bin. An die vielen Selfies mit mir müdem, grauhaarigem und unrasierten Menschen (ich kam von einem Tageskurs nach 14 Stunden am späten Abend zurück nach Regensburg) denke ich noch heute mit großem Vergnügen. Noch mehr aber denke ich an eine Unterhaltung mit einem bereits nach einem knappen Jahr Anwesenheit hier ausgezeichnet Deutsch sprechenden jungen Mann, der mir von sich, von zuhause (Iran), von seiner Flucht und von seinem Leben bei uns erzählte. Es ist doch sehr anders, darüber nicht zu lesen oder in den Medien zu hören – mich hat das damals sehr bewegt.

Und ich habe es innerlich ins Verhältnis gesetzt zur Geschichte meines Schwiegervaters, der mit seiner Familie vor vielen Jahren nach Deutschland geflohen ist. Immer habe ich meinen eigenen Kindern gewünscht, dass sie genügend oft und vertraut mit ihm sprechen, um von diesem Leben zu erfahren – sowohl von Trauer und Wut als auch von Wehmut und Dankbarkeit. Man kann sich das nicht vorstellen, ohne wenigstens mit Leuten gesprochen zu haben, die solches erlebt haben.

Und all diese Erlebnisse und Gedanken wälzend sollte ich also die Stücke benennen, die unter dem Motto „Dreams“ in meinem Atelier gesungen werden sollten. Es ist kein einziger „Reißer“ dabei, es ist wahrlich kein in irgendeinem Sinne populäres Stück dabei, es ist ein Programm, das sehr gut zu mir passt, aber das wie so oft sicher schwer zugänglich sein würde. Dabei habe ich einfach überlegt: Was außer zartrosa Liebesgeschichten träumen junge Menschen in unserer Zeit in unserem Europa? Zwei Chöre aus Deutschland sind bei im Atelier und einer aus der Ukraine… und dann meine jungen geflüchteten Freunde… es ging nicht anders: es sollten Chorwerke sein, die möglichst viele verschiedene Dimensionen junger Träume beinhalten. Ein Kern kristallisierte sich heraus: jeder Mensch träumt davon, irgendwo daheim zu sein, irgendwo angenommen zu sein, Heimat zu haben oder Heimat zu finden. Das fand ich substanziell und existenziell genug.

Zoltan Kodaly: Mountain Nights Nr. 1

Kein Wort in irgendeiner Sprache, nur „m“ und ah“. Der Klang, der entsteht, ist ebenso ein Traum wie die stille Berglandschaft, die der Komponist vor Augen gehabt haben muss. Wir werden in diesem Stück also versuchen, vor dem geistigen Auge unserer Zuhörer eine Sehnsuchtslandschaft entstehen zu lassen. Ob dies dann unbedingt Berge sein müssen, scheint mir übrigens völlig gleichgültig zu sein . Hauptsache: eine jede und ein jeder träumt für ein paar Minuten seine Heimat – die reale oder die ersehnte.

György Ligeti: Idegen földön

Das sind vier sehr kurze Stücke, die von jemandem singen (gesungen werden), der seine Heimat verlassen musste und in der Fremde ist. Im ersten Stück beschreibt er seine Trauer. Im zweiten bittet er einen schwarzen Vogel, seinen Eltern und dem Liebsten einen Gruß zu bringen, der Mutter zu sagen, er sei krank – ein Motiv, das in vielen Kulturen in Volksliedern zu finden ist. Das dritte Stück fordert auf, nicht mehr zurückzuschauen, und das vierte schließlich beschreibt erstaunlich positiv eine sommerliche Szene, in die er sich sein Liebstes herbeiwünscht. Ein Wunder, dass ich an meine jungen Freunde denken musste? Ein Wunder, dass ich an die Kinder aus dem Ukrainischen Chor denken musste? Jedenfalls sehe ich immer wieder mit größtem Respekt die Fähigkeit gerade von Kindern, auch aus schier ausweglosen Situationen wieder einen Weg ins Licht zu suchen und zu finden. Ohne Träume geht das nicht.

Johannes Brahms: Ich hab die Nacht geträumet

Gerade an die Freunde aus der Ukraine, die ich nun in wenigen Stunden werde kennenlernen dürfen, habe ich auch bei diesem Stück gedacht. Zu traurig für Kinder? Zu schwermütig? Ich war schon immer der Meinung, dass Kinder in Chören eher zu selten als zu oft auch diese Seite ihrer Seelen zum Klingen bringen dürfen. In meiner nächsten Umgebung kenne ich Kinder, die Angst vorm Einschlafen hatten oder haben, weil sie Träume von Tod und Abschied durchleben müssen. Kein schöner Traum, der vom Liebsten, der am Ende im Grab ruht. Aber einer, der im Singen aufgearbeitet, verarbeitet werden kann. Schlimm wird es vor allem, wenn man über Schlimmes schweigt.

György Orban: Mundi renovatio

Ich habe gerade noch einmal nachgesehen: auch in der Ukraine gehört der größte Teil der Bevölkerung christlichen Kirchen an – orthodox, katholisch oder protestantisch. Bei uns in Deutschland ist das noch so, der kleinste Chor meines Ateliers aber ist z.B. die evangelische Kinder- und Jugendkantorei Wunsiedel und so kann man diesen Hintergrund noch voraussetzen. Aber eigentlich ist das auch völlig egal: Ich sehe den christlichen Osterhymnus „Mundi renovatio“ als allgemein gültigen Ausdruck des Traumes von der Erneuerung der Welt, will sagen: von einer neuen, friedlicheren und damit besseren Welt. Um Verständnis füreinander und Respekt voreinander zu lernen, sind Festivals wie dieses ja (auch) in der Welt. So wünsche ich mit dem letzten, flotten Stück der jungen Generation, dass sie es besser macht als wir, dass von ihr eine Erneuerung unserer Welt zum Guten hin ausgeht. Ich kenne so viele junge Menschen, die davon träumen und die so gerne ihren Traum leben würden!

Und dann ist mir am Schluss aufgefallen: Europäisches Chorfestival – drei ungarische Komponisten… Sehr gut! Mögen alle Länder in Europa, nicht nur Ungarn, sich in ihrer Musik, Literatur und Kunst immer wieder daran erinnern, dass die Sehnsucht nach Heimat kein nationaler, auch kein nur Europäischer sondern ein globaler Traum eines jeden Menschen ist! Menschlichkeit bedeutet, einander hierzu zu helfen. Humanismus, Religion oder andere Weltanschauungen als Triebfeder dazu – egal.

Rg – 5.9.2017

Geburtstagskonzert – das Programm

Für alle, die online mitlesen wollen, und für alle, die heute nicht kommen können, sich aber dennoch interessieren, kommt hier das etwas ausführliche (sorry…) Programm.

Donnerstag, 17. August 2017 – 20:00 Uhr – St. Markuskirche, Waldetzenberg

Musikalisches Nachdenken zum Geburtstag

Einen wunderschönen, guten Abend, liebe Besucherinnen und Besucher meines Geburtstagskonzertes! Geboren am 17. August 1969 feiere ich heute also meinen 48. Geburtstag und schenke mir dieses kleine Konzert. Schön, dass Sie diese gute Stunde mit mir verbringen und teilen wollen – ich würde mich freuen, wenn auch Sie den Abend am Ende als kleines Geschenk empfinden können!

Oft bin ich bei Konzerten auch als Moderator tätig, erläutere Programme, Werke und Hintergründe, versuche, dabei auch ein wenig zu unterhalten. Das tue ich heute Abend nicht, denn Teil meines Geschenkes an mich selber ist es, einfach nur Musik machen und mich ganz darauf konzentrieren zu dürfen. Deshalb halten Sie dieses sicher ungewöhnliche und ungewöhnlich ausführliche Programm in Händen. Die Werke, die gesungen und gespielt werden, sind im Fettdruck hervorgehoben – wer also keine Lust auf meine Kommentare hat, kann diese einfach auslassen und nur zuhören.

Wer allerdings ein wenig mehr darüber erfahren möchte, warum ich diese Stücke ausgewählt habe, der sollte neben diesem Heft auch das Gesangbuch Gotteslob (in allen Bänken ausliegend) zur Hand nehmen und voraus- oder mitlesen. Denn dieses Buch ist ein wesentlicher Teil meines Lebens und so will ich gerne und reichlich Bezug darauf nehmen. Mit „GL 440“ z.B. ist also das Lied bei der Nummer 440 gemeint – eines meiner Lieblingslieder, durchaus ein Motto meines Lebens.

Ich will hier weniger fachliche Informationen zu den erklingenden Werken liefern als persönliche Hintergründe. Ich habe mich in den letzten Wochen und Monaten mehr denn je gefragt, was mich als Menschen und als Musiker denn eigentlich ausmacht. Die Tatsache, dass wir uns in einer Kirche befinden, gibt eine erste Antwort. Ich bin ein zutiefst gläubiger Mensch, aber auch ein zutiefst ökumenischer Mensch und ein durchaus den Institutionen gegenüber kritischer Mensch. Nicht wenige Male habe ich in meinem bisherigen Leben die Erfahrung machen dürfen, dass Glaube gerade auch in schweren Zeiten trägt und dass man – wenn man denn möchte – dem menschenfreundlichen Gott, an den ich glaube, vor allem in unzähligen zwischenmenschlichen Beziehungen begegnen kann. Mein Leben war und ist reich an wertvollen Begegnungen, gemeinsames Musizieren ist für mich dabei eine besondere Form der Begegnung.

Ich habe mich immer als vom Glück und von Gott gesegneten Menschen verstanden. Nicht jedes Glück kommt ohne Widerstand zu einem, manches muss man sich erarbeiten. Zu Beginn ist deshalb ein ganz konkreter und zentraler Dank wichtig: „Meld‘ mich ab!“ habe ich meiner Mutter als Kind oft entgegengerufen, wenn ich nicht üben wollte. Ich war nicht von Anfang an fleißig, die große Liebe meines Lebens zur Musik musste sich erst in einem Kampf Bahn brechen. Natürlich habe ich ihr viel mehr zu verdanken, heute aber aus gegebenem Anlass: Danke, Mama, dass Du nicht nachgegeben hast – ich säße sonst nicht hier und die Erinnerung an Dein Nicht-Nachgeben enthält keinen Zwang, kein Drohen, sondern nur liebevolles Führen und sanftes Schieben! 😊

 

Programm des heutigen Abends

Wenn ich an „Geburtstag“ denke, dann denke ich in diesem Jahr mehr denn je auch an die Endlichkeit des Lebens, an den Tod. Es ist weniger der eigene Tod, der mich beschäftigt, als die vielen Konstellationen, in denen Sterben stattfindet – teils „plötzlich und unerwartet“, teils „nach langem und schweren Leiden“, teils „im gesegneten Alter, teils „nach einem langen, erfüllten Leben“, teils aber auch „bei lebendigem Leib“. Was mir im Gespräch selten jemand glauben mag, stimmt doch: ich spiele und singe sehr gerne bei Trauergottesdiensten, denn im obigen Sinne sind hier existenzielle Begegnungen mit Menschen möglich, die man in schweren, zumindest aber besonderen Momenten begleiten darf. Dabei begleitet man sowohl die Verstorbenen als auch die Hinterbliebenen. Beginnen will ich deshalb mit zwei Chorälen aus dem sogenannten „Orgelbüchlein“ von Bach, einer Sammlung von kurzen Choralbearbeitungen, die ich während meines Studiums beim ehemaligen Domorganisten Eberhard Kraus ganz nach alter Schule fast alle mit ihm erarbeitet habe – ein unendlich wertvoller Schatz. Teil 1 des Konzertes: „Memento mori“ – Denk dran, Mensch, dass du sterben wirst! Das passt zu einem Geburtstag doch sehr, sehr gut.

Ach ja, Sie wissen schon: Applaus gerne – aber bitte erst ganz am Schluss (und selbst da muss es heute nicht sein, wird nämlich ein ganz leiser Schluss 😊).

Johann Sebastian Bach (1685-1750) – Choralvorspiel „Ach wie nichtig, ach wie flüchtig“ BWV 644

Wer die acht Strophen des Liedes bei GL 868 durchliest, wird vielleicht zunächst Düsternis und Traurigkeit empfinden; sicher ist gerade letztere auch angelegt. Für mich aber ist das eine ungemein erleichternde Botschaft, die dazu aufruft, sich bereits bei Lebzeiten nicht zu sehr mit den aufgezählten Dingen zu belasten, sein Glück nicht zu sehr darin zu sehen. Bach komponiert nie, ohne zu interpretieren: die kurzen Pedaltöne kommen wie ein Hauch von Nebel daher und es ist das einzige Choralvorspiel dieser Sammlung, dessen Schlussakkord ohne den grundständigen Bass quasi leicht schwebend alleine steht. Und: das Ganze endet in Dur! 😊

Johann Sebastian Bach – Choralvorspiel „Alle Menschen müssen sterben“ BWV 643

Dieser Choral findet sich nicht im Gotteslob – einige ausgewählte Strophen deshalb hier, um den freudvollen Charakter der Musik verständlich zu machen. Nicht jedem ist es vergönnt, mit solcher Perspektive zu sterben, zu wünschen wäre es jedem.

  1. Alle Menschen müssen sterben, alles Fleisch ist gleich wie Heu; was da lebet, muß verderben, soll es anders werden neu. Dieser Leib, der muß verwesen, wenn er anders soll genesen zu der großen Herrlichkeit, die den Frommen ist bereit‘. 2. Drum so will ich dieses Leben, weil es meinem Gott beliebt, auch ganz willig von mir geben, bin darüber nicht betrübt; denn in meines Jesu Wunden hab ich nun Erlösung funden, und mein Trost in Todesnot ist des Herren Jesu Tod. 4. Da wird sein das Freudenleben, da viel tausend Seelen schon sind mit Himmelsglanz umgeben, dienen Gott vor seinem Thron; da die Seraphinen prangen und das hohe Lied anfangen: „Heilig, heilig, heilig heißt Gott der Vater, Sohn und Geist.“ 6. O Jerusalem, du schöne, ach wie helle glänzest du! Ach wie lieblich Lobgetöne hört man da in sanfter Ruh! O der großen Freud und Wonne: jetzo gehet auf die Sonne, jetzo gehet an der Tag, der kein Ende nehmen mag!

Eine große Liebe meines Lebens ist die Musik geworden, eine andere die Liturgie. Ich bin unendlich dankbar, dass zunächst durch das Ministrieren, dann aber früh genug, so dass man noch nicht pubertär verwirrt darüber nachgedacht hat, der Orgeldienst von ganz alleine für regelmäßiges, ja häufiges Mitfeiern des Gottesdienstes gesorgt hat. Wer weiß, was geworden wäre, wenn ich bei jeder Messe völlig „frei“ hätte entscheiden dürfen? Ich bin sogar sicher, dass der Weg meines Glaubens nicht so geradlinig verlaufen wäre, denn Glaube kann meiner Überzeugung nach nur gedeihen, wenn er gepflegt wird. Tatsächlich empfinde ich (beinahe) jeden Gottesdienst, den ich besuche oder gestalte, als Geschenk und nicht als lästige Pflicht.

Die Liebe zur Liturgie hat mir – Gott sei Dank – auch keiner der Priester „ausgetrieben“, mit denen ich zu tun hatte. Im Nachhinein betrachtet waren sie alle zur rechten Zeit da und haben mich auf ganz unterschiedliche Weise in diesen Kosmos hineinwachsen lassen, der mich noch heute fasziniert und den ich bis heute noch nicht ganz durchdrungen habe. Weil mir so sehr daran liegt, auch anderen den Blick, das Ohr und das Herz für liturgisches Erleben zu öffnen, habe ich mich dazu entschieden, den zweiten und größten Teil dieses Konzertes im Ablauf einer Eucharistiefeier zu gestalten – der Liturgie, die ich bis heute überschlagen wohl an die 6000 Mal musikalisch gestaltet habe. Diese Gottesdienstform (GL 580 bis 591) ist alt, ja, sie ist auch immer wieder gleich, aber „langweilig“ ist sie nicht, wenn man jeden Teil tatsächlich „feiert“. Was hier zu den einzelnen Teilen steht, ist keine liturgiewissenschaftlich abgesicherte Wahrheit, sondern meine ganz persönliche Wahrnehmung.

Einzug – hintreten vor Gott mit allem, was einen als Menschen ausmacht, ankommen in der Begegnung mit Gott (und der Gemeinde)

Ernst Kutzer (1918 – 2008) – Orgelmesse op. 77 – Introitus

Mit meinem Vater habe ich ihn besucht, den Komponisten Ernst Kutzer; die Noten, aus denen ich heute spiele, habe ich von ihm geschenkt bekommen. Und von meinem Vater habe ich gelernt, dass man gerade vor den Musikern im eigenen Umfeld, vor den Komponisten der Heimat nicht nur Respekt haben sollte, sondern dass man eine Verantwortung hat, ihre Werke lebendig und erfahrbar zu machen. Unendlich viel Musik ist in der Welt, die nicht zum Erklingen kommt, weil die meisten Musiker den sicheren Weg gehen und die großen, berühmten Werke der Musikgeschichte weitgehend risikolos aufführen. Zeitgenossen haben es sehr, sehr schwer.

 

 

 

Schuldbekenntnis – wissen, dass man auch mit den eigenen dunklen Seiten angenommen ist, dass man sagen darf, was die Seele belastet, dass einem grenzenlos vergeben wird.

Johann Sebastian Bach – Choralvorspiel „O Mensch bewein dein Sünde groß“ BWV 622 (GL 267)

Eines meiner absoluten Lieblingsstücke. Eines, in das man sich in Kenntnis des Textes ganz wunderbar versenken kann. Und eines, nach dem es mir immer besser ging als vorher – wie bei einer guten Beichte (bei Eltern oder auch Priestern).

 

Kyrie – der Gruß an den Herrn, der Vergebung schenken und Hilfe gewähren kann

Gregorianischer Choral – Kyrie aus der „Missa de Angelis“ (GL 108)

Das ist eine der Musikgattungen, die ich viel zu wenig praktiziere. Die ältesten Gesänge der römischen Liturgie sind nur der Legende nach von Papst Gregor dem Großen gesammelt worden – gezeigt wird er auf Bildern sogar Noten schreibend mit einer Taube auf der Schulter, die ihm alles eingibt 😊. Jedenfalls kommt so der Choral zu seinem „Vornamen“. Erklingen soll er so, wie er entstanden ist: einstimmig, unbegleitet, rein – weniger ist so oft mehr.

 

Gloria – Ehre und Dank demjenigen, der vergibt (Vater), der versöhnt (Sohn) und der verändert (Geist)

Max Reger (1873 – 1916) – Choralvorspiel „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ op. 135a (GL 170)

Wenn man lernen will, wie arrogant und herablassend Musiker sein können, muss man manchen Kollegen zuhören, wenn sie über Reger urteilen. Sicher – das ist so wie der Mensch Max Reger leidenschaftlich, impulsiv, manchmal sehr dick aufgetragen, extrem in jedem Fall. Aber mich spricht diese ehrliche, zutiefst menschliche Art des Ringens um Dasein und Ewigkeit sehr an. Und man muss (ich weiß nicht, ob es mir heute gelingt) Reger natürlich auch gut singen und spielen, man muss versuchen, ihm gerecht zu werden. Auch in Bezug auf diesen Komponisten habe ich von meinem Vater eine zentrale Lehre empfangen: Respekt. Ohne respektvolle Annäherung kann man vermeintlich Schwierigem, Fremdem nicht gerecht werden.

 

Antwortgesang – Antwort auf das in der Lesung gehörte Wort Gottes

Max Reger (1873 – 1916) – Choralvorspiel „Liebster Jesu, wir sind hier“ op. 135a (GL 149)

Welch schöner Text! Und in der dritten Strophe wird wie so oft in der Bibel oder in anderen geistlichen Texten und Liedern der unmittelbare Bezug hergestellt zwischen Hören, Beten und (!) Singen. Wes das Herz voll ist, des gehe der Mund über (und er tue das singend, nicht nur sprechend)!

 

Ruf vor dem Evangelium – Jubelruf über die Gnade, das Wort Gottes hören zu dürfen

Eberhard Kraus (1931 – 2003): „Halleluja“ aus den vier Skizzen über B-A-C-H

Mein wichtigster Lehrer darf hier natürlich nicht fehlen. Was ich bei Eberhard Kraus alles gelernt habe, kann ich hier nicht annähernd aufschreiben, nur skizzieren: Musikgeschichte, Interpretation, Technik, Literatur, Instrumentenkunde, Stilistik und vor allem: Haltung. Nein – er war kein einfacher Mensch und er hat es vielen nicht einfach gemacht. Aber wenn ich einen zentralen Inhalt seines Wirkens und Unterrichtens nennen sollte, so ist es die Tatsache, dass sich Traditionspflege und Aufbruch/Innovation nicht ausschließen sondern gegenseitig bedingen. Die Noten, aus denen ich heute spiele, sind übrigens Kopien einer Handschrift von ihm. Auch wenn es leichter zu lesen wäre – ich möchte davon gar keinen Computernotensatz 😊.

 

Credo – die „corporate identity“ der Kirche

Gregorianischer Choral III (GL 122)

(… müssen wir jetzt unbedingt einmal wieder im Gottesdienst singen…)

 

 

 

 

 

Gabenbereitung – vor Gott bringen, was einen ausmacht; sich in die Begegnung mit Gott einbringen

Max Reger (1873 – 1916) – Choralvorspiel „Beim letzten Abendmahle“ op. 135a (GL 282)

Zentraler Ort menschlicher Begegnung sind gemeinsame Mahlzeiten. Dass die Leidens- und Erlösungsgeschichte der Heiligen Schrift genau damit beginnt, sagt mehr, als einem gemeinhin bewusst wird.

 

Sanctus – „… Darum preisen wir dich mit allen Engeln und Heiligen und singen vereint mit ihnen…

Gregorianischer Choral – Sanctus aus der „Missa lux et origo“ (GL 115)

 

Agnus Dei – demütiges Gedenken an die bedingungslose Hingabe Christi im Erlösungstod als Basis für den Frieden

Gregorianischer Choral – Agnus Dei aus der „Missa lux et origo“ (GL 115)

Auch dies ist ein Teil des Gottesdienstes, der in seiner ganzen Tragweite wohl meist nicht mitvollzogen werden kann. Was andere Religionen dem Christentum oft auch verächtlich vorgehalten haben – dass die Erlösung vom Schwachen, vom Ausgelieferten kommt, nicht vom Starken und Rächenden – drückt sich im Bild vom Lamm doch wunderbar aus.

 

Kommunion – Empfang und Zwiesprache

Johann Sebastian Bach – Largo aus der Triosonate C-Dur BWV 529

Dieser Gedanke der „Zwiesprache“ ließ mich einen Satz aus einer Triosonate wählen. Zwei Stimmen unterhalten sich hier miteinander, getragen vom einem dezenten Bass, der gut den Glauben symbolisieren könnte. Was in jedem Menschen nach dem Empfang der Heiligen Kommunion geschieht, gehört zum Intimsten, was es gibt. Ich kann die verschiedenen Teile meiner Persönlichkeit miteinander reden lassen, ich kann mich mit Gott auseinandersetzen, ich kann ihn zu mir sprechen lassen… Hauptsache: ich kommuniziere, trete in einen Dialog.

 

Dankhymnus – Dank für die Begegnung mit Gott nicht nur in dieser Feier, Ausblick auf „das Leben draußen“

GL 424

Zu Strophe 1+2:

Johann Sebastian Bach – Choralvorspiel „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ BWV 642

Zu Strophe 3:

Johann Sebastian Bach – Choralvorspiel „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ BWV 691

Zu Strophe 4:

Johann Sebastian Bach – Choralvorspiel „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ BWV 690

Strophe 5:

Gerne gemeinsam gesungen

 

Segen – Stärkung für „das Leben draußen“

GL 453 – auch dies gerne gemeinsam gesungen

 

Auszug – nachwirken lassen und aufbrechen

Dazu spiele ich jetzt kein Stück, denn das ist einer der wenigen Punkte, die mein liturgisches Erleben oft ernüchtern. Wenn ich mir etwas zum Geburtstag wünschen darf: unterhaltet euch doch bitte draußen vor der Tür und nicht das Orgelnachspiel laut übertönend! Gilt nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen Kolleg_innen, vor allem für Orgelschüler, die sich darauf intensiv vorbereiten müssen – danke 😊!

 

Nun kommt ein letzter, kurzer dritter Teil des Programms. Die Dreifaltigkeit ist (außer der Tatsache des historisch bedingten Fehlens des weiblichen Elements) eine ziemlich perfekte Sache. Mir kommt dabei der Heilige Geist immer ein klein wenig zu kurz. Es gibt so vieles, was in der Welt – im Großen wie im Kleinen – zum Guten hin verändert werden müsste; er hat alle Hände voll zu tun und man darf ihm nicht vorwerfen, dass er das nicht schafft. Vor allem aber braucht er, um wirken zu können, die innere Bereitschaft seiner Kundschaft – darum soll am Ende gebeten sein.

 

Bitte um den Heiligen Geist

 

Johann Gottfried Walther (1684 – 1748) – Choralvorspiel „Komm, Heilger Geist, o Schöpfer du“

Auch diese beiden letzten Stücke haben mit Eberhard Kraus zu tun. Neben seinem Unterricht hat er Jahrzehnte lang die „Sonntäglichen Orgelstunden“ im Museum, in der Minoritenkirche von Mai bis Oktober jeden einzelnen Sonntag gestaltet. Das waren mit die besten Stunden meines Lebens – phasenweise geteilt mit lieben Menschen, manchmal alleine, einige Male ehrenvoll daran beteiligt. Dieses Choralvorspiel und das nächste sind von Kraus in der Reihe „Cantantibus organis“ veröffentlicht worden. Über dreißig Bände wertvoller, vor allem auch „kleiner“ Orgelmusik geordnet nach Landschaften, Stilen, kirchenjahreszeitlichen Themen. Und mit sehr viel Bezug zu einem Kern der Kirchenmusik, zum Choral und zu Chorälen.

 

GL 342

 

Michael Gotthard Fischer (1773 – 1829) – Choralvorspiel „Komm, Heilger Geist, o Schöpfer du“

 

Zu guter Letzt

Gregorianischer Choral – Salve Regina (GL 666/4)

Auch das Stundengebet ist leider weitestgehend aus dem Leben unserer Gemeinden verschwunden. Oft schon hatte ich den tief empfundenen Wunsch, es zumindest ab und zu einfach dadurch anzubieten, dass ich es in einer unserer schönen Kirchen selber bete und singe, und wer denn möchte, könnte daran teilnehmen. Würden es zwei oder drei, wäre das biblisch betrachtet ja schon sehr viel. Zur Nacht zu beten ist ein Segen und die Ordnung der Komplet sieht vor, dass zu den verschiedenen Kirchenjahreszeiten je eine der Marianischen Antiphonen dieses Gebet beschließt. Jetzt, im Jahreskreis, ist es das Salve Regina.

 

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Die Bitte am Ende

 

In der Ankündigung dieses Konzertes war zu lesen, dass neben diesem “Selbsterfahrungstripp” zum Geburtstag an diesem Abend auch Geld gesammelt wird, um Wünsche wahr werden zu lassen ( www.robert-goestl.de ). Ich dachte mir, dass sich doch jeder Mensch etwas zum Geburtstag wünschen darf, und so tue ich das heute auch ganz frech.

 

Wenn man siehe oben etwas ungewöhnlichere Literatur musizieren und aufführen will, wenn diese dann auch noch relativ anspruchsvoll und aufwendig ist, dann stößt man bei allem Enthusiasmus oft an Grenzen. Leider haben die meist mit Geld zu tun. Ich bin selbst Berufsmusiker, muss neben meiner 50-%-Professur also durch mein Musizieren auch etwas verdienen. In dem Bereich, der mir den Zugang jenseits der eh schon anspruchsvollen Chormusik, die ich mit meinem ausgezeichneten Singkreis Deuerling realisieren kann, weitere Schwierigkeitsgrade eröffnet, arbeite ich mit meinem Kammerchor vox animata – einem Ensemble, das aus noch Studierenden und aber auch bereits „fertigen“ Kolleginnen und Kollegen besteht, die aus ganz Deutschland zusammenkommen. Jeder kann sich ausrechnen: alleine die Fahrtkosten für ein solches Projekt für ein Probenwochenende und dann nochmal ein Konzertwochenende, bewegen sich je nach Anzahl zwischen 1500,- und 2500,- Euro. Kommen Solisten dazu oder Instrumentalisten, wird das Ganze noch einmal um ein Vielfaches teurer. Nun lässt sich mit einem populären Programm vielleicht eine Kirche voll bekommen und sich so refinanzieren, aber – auch siehe oben – gerade neue Musik, zieht realistisch betrachtet keine Heerscharen von Publikum an; und die wenigen will man dann ja nicht auch noch mit Eintrittspreisen von 30,- bis 80,- Euro am Besuch hindern. Kurzum: heute bitte ich um Spenden für meinen Kammerchor vox animata.

 

Was wären solche „Traumprojekte“?

 

  • Als nächstes gleich in Waldetzenberg am 26.11.2017 die wunderbare Schöpfungsgeschichte „Im Anfang“ von Günter Bialas sowie die Bach-Chaconne in einer Bearbeitung mit Stimmen. Würde nur der Chor singen, könnten wir das nötige Geld bei gutem Besuch wohl sogar „einspielen“. Aber ich brauche drei professionelle Sopranistinnen, einen Organisten und eine exzellente Geigerin…
  • Ein Traum wäre auch, meinen teils freiberuflich singenden Chormitgliedern wenigstens ein Taschengeld für ein Projekt zahlen zu können – momentan bekommen sie maximal ihre Auslagen ersetzt. Wir reden von bescheidensten Beträgen – ein Anfang wären z.B. 30,- Euro für ein Wochenende (die ja dann schon wieder weitgehend für Verpflegung unterwegs draufgehen).
  • Im Jahr 2011 hat mir der Komponist Johannes Wallmann ein Werk angetragen, das mich nicht mehr loslässt. Im „GLOCKENREQUIEM XXI“ verknüpft er Texte zum Tod aus allen großen Weltreligionen mit Zitaten von in Kriegen ums Leben gekommenen Kindern – z.B. aus einem Tagebuch eines Kindersoldaten im Kongo. Klangbasis ist eine Installation aller Dresdner Kirchenglocken, drei Chöre, ein Rezitator und ein „Schreier“ braucht man – dazu eine aufwendige Technik für die Glocken und die elektronischen Klänge. Alles in allem: gut 15.000,- Euro. Ich habe es bisher nicht geschafft, eine öffentliche Stelle oder einen Sponsor zu finden, der dieses „dem Andenken an alle in Kriegen gestorbenen Kinder“ gewidmete Werk realisieren wollte. Es ist ausgesprochen moderne Musik in dem Sinne, dass jeder davor Angst hat, dass das keiner hören will. Ich glaube das nicht, aber man braucht einen finanziell breiten Rücken, um eine Aufführung riskieren zu können.
  • Und dann träume ich davon, wie mein verehrter Lehrer Eberhard Kraus es mit Orgelmusik getan hat, eine Reihe mit Chormusik und Sologesang zu schaffen. Ob das dann „Sonntägliche Chorstunden“ werden oder ob man es anders nennt – selbst wenn befreundete Kolleginnen und Kollegen für einen Dumpingpreis kommen würden, bräuchte man dennoch Geld, um dies zu tragen.

 

Ich könnte diese Liste fortführen, aber das reicht ja schon einmal dick. Die Möglichkeiten:

  • Der Korb am Ausgang für Bargeld
  • Kauf einer der CDs am Ausgang gegen 15,- Euro (separater Korb)
  • Eine Spende auf unser Konto IBAN: DE96 7002 2200 0020 0612 19 bei der Fidor-Bank
  • Der Besuch unserer Konzerte
  • Hilfe bei der Sponsorensuche
  • Am schönsten und am meisten auch ideell motivierend für uns: der Beitritt zu unserem Verein vox animata e.V. siehe www.vox-animata.de/verein
  • Likes auf unserer Facebookseite https://de-de.facebook.com/VoxAnimata/

 

Herzlichen Dank für Ihren/Euren Besuch heute Abend – herzlichen Dank für jede kleinste und große Unterstützung bei unserer Arbeit für eine lebendige Chorkultur auch abseits ausgetretener Pfade!

 

Ihr/Euer

Robert Göstl

Ein ungeahnt wertvolles Projekt – höchstpersönlich

Die Idee war eher eine etwas trotzige Reaktion darauf, wieder einmal für viele (meines Erachtens sehr gute) Ideen keine solide, vor allem keine entspannte Finanzierung zu sehen. Um Musik machen zu dürfen, muss man sehr viel arbeiten, kommunizieren, Frustration einstecken und bürokratische Prozesse ertragen. Genauer: um Musik machen zu dürfen, die nicht populär im weitesten Sinne, also Mainstream ist. Da dachte ich also so für mich: „Jetzt jammere nicht und vor allem verstrick dich nicht in all diesen Bemühungen, sondern mach das, was du kannst und liebst, und erwirtschafte damit Geld zur Umsetzung deiner Träume!“ Deshalb habe ich für den 17.8.2017 um 20:00 Uhr in der wunderbaren Markuskirche Waldetzenberg ein Geburtstagskonzert (ja, mein Geburtstag – nein, kein runder) angesetzt und werde dort viel Orgel spielen, ein wenig singen und die Besucher auch ein wenig an meinen Überzeugungen und Träumen teilhaben lassen. Eintritt frei – Spenden für die Umsetzung meiner musikalischen Projekte (vor allem Kammerchor vox animata) herzlich und ausdrücklich erbeten! Kein Wein, keine Schokolade, keine Bücher, keine … – einfach Geld.

Nun erlebe ich zum einen das längst nicht mehr so erfahrene Glück, ein Programm mit Ruhe und Tiefe auszuarbeiten, das sich nicht an Vorgaben oder Jubiläen orientiert, sondern das mich meint und das, was mich ausmacht. Ich spiele Orgel, stundenlang, ohne jeden Druck, ohne Zuhörer und Zuschauer, einfach so für mich. Ich finde Literatur wieder und neu, die mich begeistert (hat) und die so lange in der Versenkung verschwunden war. Nicht alles, was ich jetzt ausprobiere, werde ich spielen können, aber bereits jetzt ist ja klar, dass dies nicht mein letztes Geburtstagskonzert sein wird.

Ich will an diesem Abend nur spielen und singen, nicht reden. Deshalb werde ich ein Programmheft erstellen, das – so fürchte ich – den Umfang einer kleinen Geburtstagszeitung annehmen wird. Ich werde nichts zum musikgeschichtlichen Hintergrund oder zu interpretatorischen Ansätzen schreiben, aber ich will die Werke in ihrer Bedeutung für mich beschreiben. So blättere ich in Noten und sehe nicht nur Musik, sondern setze diese unmittelbar sozusagen in einer parallel denkenden Schiene ins Verhältnis zu mir und meiner Biographie. Das ist ein solch beglückender Vorgang, dass ich mich dazu zwingen muss, auch noch andere Dinge zu tun/zu erledigen. Was macht mich als Menschen, als Musiker aus? Was war mir wichtig und was soll den Rest meiner wie auch immer kurzen oder langen Lebenszeit wichtig bleiben, sein, werden?

Letztere Frage stelle ich mir auch im Hinblick auf die vielen Dinge, die mein Berufsleben ausmachen. und da ist dann doch klar, dass der Organisator und Manager zukünftig deutlich kürzer wird treten müssen. Denn der Musiker hat noch einiges vor, hat vor allem auch Musik im Regal, auf dem Schreibtisch und im Kopf, die aufgeführt werden muss und von der ich weiß, dass kaum jemand sie aufführen will oder kann; womit wir wieder beim Ursprungsthema wären. Diese Projekte werde ich für die Besucher meines Geburtstagskonzertes ebenfalls skizzieren, auch damit muss ich mich im Moment also beschäftigen und das fokussiert doch sehr.

Wer am 17.8.17 also kommt, wird einiges erfahren und erleben. Vielleicht wird das mein bislang höchstpersönlichstes Konzert.

Synergieeffekte zwischen Schulbetrieb und außerschulischem Musikunterricht

Kurzreferat Prof. Robert Göstl (stellvertretend für die Leiter_innen der Musikschulen im Landkreis Regensburg)

bei der Schulleiterkonferenz der staatlichen Schulämter im Landkreis und in der Stadt Regensburg am 4.7.2017 – 13:35 – 13:50 Uhr in der Grundschule Sinzing

Synergieeffekte zwischen Schulbetrieb und außerschulischem Musikunterricht

Kurze Vorstellung meiner Person: Grundschule Deuerling erfolgreich absolviert 😊 – meine Eltern Lehrer an dieser Schule, mein Vater lange Zeit Schulleiter – Vorstandsvorsitzender und Chorleiter Singkreis Deuerling (feiert 2017 Jubiläum 50 Jahre und ist damit etwas älter als ich) – auf dem Weg über die Kirchenmusik und die Chorleitung heute Professor für „Singen mit Kindern“ an der HfMT Köln. Heute aber hier als Vertreter der Musikschulleiter_innen im Landkreis.

Zustandekommen dieses Kurzreferates

Kulturreferent Dr. Thomas Feuerer (herzlicher Gruß und Entschuldigung wegen eines unaufschiebbaren Termins, der mit der später gelegten Konferenz kollidiert) lädt regelmäßig zu Treffen der Musikschulleiter.  Da viele Themenstellungen mit aktuellen Entwicklungen in der Schullandschaft und im Schulsystem zu tun haben, erfolgte eine Einladung an SchAD Stautner. Mit diesem fand ein intensiver Austausch statt und es wurde deutlich, dass die Schulleitungen vor Ort die entscheidenden Instanzen sind, um mit Musikschulen in welcher Form und Intensität auch immer zu kooperieren. Aus diesem fruchtbaren Austausch entspringt der heutige Impuls.

Im Gespräch damals ist deutlich geworden: höchst unterschiedliche Formen und Qualitäten der Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Schulen und Musikschulen (bzw. „musikschulähnlichen Einrichtungen“) existieren bereits. Einen herzlichen Dank an dieser Stelle deshalb den vielen unter Ihnen, bei denen dies bereits wunderbar funktioniert und floriert! Ich will im Folgenden versuchen, die anderen zu motivieren, entweder vorhandene Partner bereitwillig aufzunehmen oder sogar nach Partnern zu suchen.

Vorteile für die Musikschule (Beispiel Deuerling)

  • Räume stehen im Idealfall kostenfrei zur Verfügung
  • Zugang zur Schule ist zu jeder Zeit möglich (Schlüssel für Musikschullehrkräfte) – sowohl für Unterricht und Veranstaltungen/Konzerte. Voraussetzung ist selbstverständlich klare Absprache.
  • Orffinstrumentarium ist teils von der Schule, teils vom Verein angeschafft und kann gegenseitig genutzt werden
  • Werbung für die Angebote zu Schuljahresbeginn (hier vor allem Kinderchor) oder über Instrumentenvorstellungen ist möglich und mittlerweile etabliert
  • Zusammenarbeit bei Schulveranstaltungen bringt Präsenz in der Wahrnehmung bei Kindern und Eltern (und Kommunalpolitik/Öffentlichkeit)

Darüber hinaus wären Erfahrungsberichte der Schulen interessant, die bereits Bläser- oder Streicher- oder Chorklassen in Kooperation mit Musikschulen anbieten; dies sind wesentlich weitergehende Angebote, unter deren Level siehe oben aber auch bereits schon einiges möglich erscheint.

Vorteile für die allgemeinbildende Schule

Oft ist es eine Frage der Sichtweise, was Vorteil und was Nachteil ist – bestes Beispiel: das Klavier 😊. Manche Kolleg_innen wird ein solches Instrument im Klassenraum stören – andere genießen es, eines zur Verfügung zu haben. Wir wählen die positive Sicht der Dinge und zählen es den Vorteilen zu

  • Klaviere in Klassenzimmern auch für Musikunterricht nutzbar – entweder durch die Kolleg_innen selbst oder z.B. auch bei besonderen Anlässen zur Begleitung durch Eltern oder Musischullehrkräfte
  • Orffinstrumentarium ist teils von der Schule, teils vom Verein angeschafft und kann gegenseitig genutzt werden
  • Chöre: wenn Kinder außerhalb des Regelunterrichts singen lernen, kommt das dem Singen in den Klassen zugute. Immer wieder betonen gerade auch neu nach Deuerling abgeordnete Lehrkräfte, dass das Singen mit den Klassen hier Spaß macht.
  • Musikschullehrkräfte können punktuell miteinbezogen werden: instrumentale Begleitung bei Schulaufführungen, aktive Hilfe bei Einstudierungen von Musik und Musiktheater, lehrplanbezogene Vorstellung von Instrumenten
  • Musikalische Angebote können den Ganztagsbereich erheblich bereichern
  • Nicht zuletzt: die mittlerweile wissenschaftlich bestens belegte Tatsache, dass aktives Musizieren Sozialverhalten und Lernfähigkeit positiv beeinflusst, kommt (graduell sicher sehr unterschiedlich) den betreffenden Kindern und damit auch dem Lernklima in der Schule zugute. Offene, leistungsbereite und nicht zuletzt zum Zuhören fähige Kinder entlasten den Schulalltag erheblich.

Probleme gibt es (auch in Deuerling) selbstverständlich

  • Zusammenarbeit braucht zwei kooperative Seiten – im Falle der Schule sogar viele, da vor allem in die Räume der einzelnen Lehrkräfte eingegriffen wird
  • Zurecht wird nicht jedes gutgemeinte Kinderbeschäftigungsprogramm von pädagogischen Profis kritiklos gutgeheißen. Hier ist vor allem auf Seiten der Musikschulen mitunter noch viel zu leisten – wir sind dran und besten Willens. Gerade auch das Kulturreferat des Landkreises achtet darauf sehr.
  • Z.B. im Ganztagsbereich sind teils schwierige versicherungsrechtliche Fragen zu klären; insgesamt aber lösbare Porbleme.
  • Kooperation bedeutet immer zeitlichen, materiellen und u.U. auch nervlichen Mehraufwand.

 

Der Nutzen für beide Seiten dürfte jedoch – im positiven Beispiel erwiesenermaßen – weitaus überwiegen und den Aufwand oder auch einmal die Reibungsflächen rechtfertigen. Der erste Schritt ist übrigens sehr klein und jederzeit machbar – auch meinen Kolleginnen und Kollegen aus den Musikschulen habe ich das empfohlen: damit man nicht übereinander redet, ohne vom anderen zu wissen, stellen gegenseitige Besuche von Veranstaltungen sowohl die Möglichkeit des Kennenlernens als auch ein Zeichen der gegenseitigen Wertschätzung dar. Von da aus ergibt sich dann Weiteres.

Herzliche Einladung also, sich

  • mit den aufliegenden Broschüren an einem Beispiel ein etwas konkreteres Bild zu machen und
  • bei Interesse oder auch Problemen jederzeit Dr. Feuerer im Kulturreferat (und ggf. auch mich) anzusprechen

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre wertvolle Arbeit mit und an unseren Kindern!