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13 Nov Ein bewegendes Coaching

Umarmungen gehören zum Musikerleben. Und die fühlen sich höchst unterschiedlich an, vor allem für einen Menschen wie mich, der Abstand mindestens genauso zu schätzen weiß wie Nähe. Die Umarmung am Ende des gestrigen Arbeitstages in Irschenberg war gut und wohltuend: voller Herzlichkeit, Dankbarkeit und Wertschätzung – ohne Berechnung, aufgesetzte Äußerlichkeit und Anbiederung.

Dass man überhaupt über ein Coaching öffentlich schreiben darf, ist ja schon bemerkenswert. Denn meist wünschen die Kolleg_innen oder Ensembles, zu denen ich eingeladen werde (für mich auch durchaus verständlicherweise), dass solch ein Beratungsprozess nicht nach außen sichtbar wird. Für die Chorgemeinschaft Irschenberg war das kein Problem, auch auf deren eigener Facebookseite war davon zu lesen.

Nach meinem gestrigen Erleben wundert mich das noch weniger als vorher. Das ist ein Chor, der sich dezidiert anspruchsvoller Chormusik verschrieben hat, der aber gleichzeitig im positivsten Sinne eine Chor-Gemeinschaft ist, bei der das Gesellschaftliche wichtig, der Zusammenhalt spürbar und genauso wichtig wie das Singen ist. Wie so oft wird man von denen eingeladen, die eh schon eine ausgezeichnete Arbeit machen. Zu tun gibt es immer viel, aber man musste beim besten Willen nicht von Adam und Eva beginnen – viele Laienchöre gibt es nicht, mit denen man die Bach-Kantate „Brich dem Hungrigen dein Brot“ als Arbeitsschwerpunkt mit schönem Ergebnis nach wenigen Stunden erleben kann und die ohne mehrmalige Anläufe das c“‘ erreichen.

Getragen wird das alles von allen, geprägt wird es vom Chorleiter. Meine aufrichtige Hochachtung davor hat der Kollege sicher gespürt und so entstand den Tag über ein Geben und Nehmen, das man sich für manchen Hochschullehrprozess wünschen würde. Warum? Weil die Leute offen sind, weil sie bewegen wollen, weil sie das, was sie lieben, am Leben und lebendig erhalten wollen. Gern trage ich meinen kleinen Anteil dazu bei, unter den immer schwieriger werdenden Bedingungen die zu unterstützen, die in diesem Sinne eine ambitionierte Laienchorarbeit pflegen wollen! Was ich gestern erlebt habe, „ist mein Ding“.

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Hugo Distler - Weihnachtsgeschichte op. 10 - 1933 "Gewidmet dem Volk, das im Finstern wandelt"

06 Nov Landesjugendchor Saar – eine Truppe, die Freude macht!

Fast 7 Stunden Bahnfahrt, davon die letzten beiden in einem völlig heruntergekühlten und dabei aber überfüllten Regionalzug. Meine Laune war nicht unbedingt auf einem Allzeithoch, als ich am Freitag in Ottweiler angekommen bin. Aber bereits die tolle Betreuung und herzliche Aufnahme durch die beiden Stimmbildner Angela Lösch und Michael Marz, die neben den Stimmen auch die Organisation des LJC Saar stemmen, hat mich schnell mit der Situation warm werden lassen. Zudem ist die Landesmusikakademie ein wirklich hervorragender Probenort – und die Heizung hat überall funktioniert.

Ja und dann kamen die jungen Leute. Für mich ein wesentliches Qualitätskriterium für die Nachhaltigkeit solcher Projektchöre: eine Altersspanne von 15 (!) bis 27 (bei Letzterem bin ich gerade unsicher…), so dass die Neuen von den Erfahrenen lernen dürfen und sich auf ihre späteren Aufgaben als Führungskräfte vorbereiten können. Spürbar ist der Zusammenhalt, eine positive, konstruktive Atmosphäre und eine bemerkenswerte Disziplin. Die Stimmen sind klug ausgewählt, wobei nicht ein elitärer Ausschlussgedanke zugrunde liegt sondern das Aufspüren von Talenten und Qualitäten, die sich dann auch noch entwickeln dürfen. So habe ich in meiner Zeit den Deutschen Jugendkammerchor aufzubauen versucht, so sind meiner Meinung nach Verbandsgelder in Jugendarbeit vertretbar zu investieren.

Mit der Programmauswahl war ich mir bis nach dem ersten Probenabend nicht sicher. Ich habe mir die Repertoireliste des Chores schicken lassen und versucht, Dinge auszuwählen, die in den vergangenen Jahren (mit einer absolut beeindruckenden Bandbreite) noch nicht oder nur wenig gesungen wurden: Hassler und Victoria aus der Alten Musik, Poulenc und als Kontrast Lauridsen aus der Neueren (gefälligen), Reger zum 100. Todesjahr. Und Distler. Zuerst wollte ich ein/zwei Sätze von ihm in ein Querschnittprogramm nehmen, dann hat sich aber die Idee verstärkt, den jungen Leuten die Weihnachtsgeschichte op. 10 näherzubringen. Mir war völlig bewusst, dass dies teils schwer zu singen ist, teils spröde im ersten Zugang klingt und vor allem Schwierigkeiten bei der eigenständigen Vorbereitung bringen würde. Mit dieser Vorbereitung bin ich aber hoch zufrieden – was mir da angeboten wird, ist aller Ehren wert. Und ich bin jetzt sehr froh, dass ich dieses Werk gewählt habe (auch wenn ich vielleicht nicht alle restlos bis zu meiner eigenen Begeisterung führen kann). Es passt wie ich gedacht wunderbar zu diesen jungen Stimmen, die eine große emotionale Ausdrucksbreite mitbringen. Und es passt in diese Zeit.

„Gewidmet dem Volk, das im finstern wandelt“

1933 komponiert, im Dezember desselben Jahres in Köln uraufgeführt, ein Werk eines sensiblen Komponisten und Musikers, der 1942 am druck des nationalsozialistischen Regimes zerbrochen ist und sich das Leben genommen hat. Braune Zeiten sind keine guten Zeiten für die Musik, haben aber immer auch besonders gute Musik hervorgebracht, denn jeder leistet auf die ihm mögliche Art Widerstand. Und meinem Empfinden nach sehr berührt waren die jungen Leute gestern auch, als ich von Distlers familiärer Situation in Nürnberg (Mutter weg nach Amerika, wieder zurück, ihn endgültig verstoßend, aufgewachsen bei den bitterarmen Großeltern, geliebt von einem Großvater, der sich Hugos musikalische Ausbildung vom hungrigen Mund abgespart hat) und von seinem steinigen musikalischen Werdegang erzählt habe.

Und jetzt machen wir noch ein kleines Experiment: falls irgendjemand aus dem LJC bis hierher gelesen hat und nachher unaufgefordert zum Flügel kommt und mir vor versammelter Mannschaft ihr7sein Lieblingslied vorsingt, bekommt sie/er ein Stück Schokolade (solange Vorrat reicht…)!

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26 Okt Hilfe für Alt-Hilfen im Tenor – hilft!

Zwar bin ich in der glücklichen Situation, in meinem Chor derzeit 4 gestandene Tenöre zu haben, dennoch habe ich ein rollierendes System an fitten Damen aus dem Alt eingeführt, von denen je mindestens eine bei je einem bestimmten Stück im Tenor mitsingt. Dort jemanden fest zu „parken“, fände ich stimmlich unverantwortlich, und so geht das für alle Beteiligten ganz gut. Da alle Tenöre berufstätig sind (ja, seeeehr weit unter 75!), beugt das dann doch Krisensituationen vor, wenn eben mal nicht alle an Bord sind.

Nun hat mich zum Glück eine dieser Altistinnen auf eine Kleinigkeit hingewiesen, die mir selber hätte auffallen müssen (und die bestimmt alle anderen Chorleiter komplett richtig machen): sie kann die Linien zwar gut singen, aber die Tonangabe macht ihr Schwierigkeiten. Da sie im Alt damit keinerlei Probleme hat, habe ich erst gestutzt, aber dann begriffen: ich gebe den Tenorton in der für die Männerstimme relativ hohen Spannung an und die entspricht natürlich nicht der relativ tiefen für die mitsingende Altstimme. Nachdem ich testhalber den Tenorton jeweils für die Männer (1:1 in meiner Lage) und für die Damen im Tenor (eine Oktave tiefer) angegeben habe, war alles kein Problem mehr.

Aber, wie gesagt: das machen bestimmt alle anderen eh schon längst und immer richtig… 🙂

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16 Okt Dankbar – gleich vielfach

Das war ein wunderbares Konzert mit einem wunderbaren Chor! vox animata ist gerade mal anderthalb Jahre alt und kann sich wirklich hören lassen. Es macht unglaubliche Freude, mit so sympathischen Menschen so tolle Musik machen zu dürfen. Und viele leisten darüber hinaus kleinere bis größte Hilfen, ohne die das alles nicht möglich wäre.

Dankbar sind wir natürlich auch für die hervorragende Rezension von Gerhard Dietel – hier nachzulesen:

http://www.mittelbayerische.de/kultur-nachrichten/vox-animata-meistert-schwere-aufgabe-21853-art1442008.html

Und dann hätte ich da noch den Einleitungstext zu diesem Konzert, den ich gerne hier mitteile – liest ja eh nur, wer Zeit und Freude daran hat.

Gedanken zum Programm

Menschen prägen eine Region, Regionen prägen Menschen. Musik prägt eine Region, eine Region prägt Musik. Und schließlich prägen Menschen anderen Menschen, Musiker andere Musiker. „In memoriam“ ist dieses Konzert überschrieben und das Gedenken ist vor allem eines an persönliche, wechselseitige Prägungen in diesem Sinne.

 

Max Reger ist im Gedenkjahr seines 100. Todestages nicht nur in seiner Heimat Oberpfalz in beinahe aller Munde. Kaum ein Komponist wird interessanterweise so sehr seiner Heimatregion zugeschrieben, obwohl er doch weite Strecken seines Lebens und bedeutende Phasen seiner Karriere außerhalb der Oberpfalz verbrachte. Doch dieser „Typ Reger“, eigenwillig, fußend auf Tradition und diese doch bewusst aufbrechend, streitbar, umstritten und gleichwohl hinter manchem Gepolter große Unsicherheit und Zerrissenheit verbergend passt in diese Landschaft, kann und mag seine Herkunft auch nicht verleugnen. Über sein Komponieren ist 2016 viel Kluges und Gutes geschrieben worden – in unserem Konzert kommt er mit kleineren Werken seiner Orgelmusik und mit dem wohl bekanntesten Chorwerk, den geistlichen Gesängen op. 138 zu Wort – zu Wort im wahrsten Sinne, handelt es sich doch außer der Fuge op. 59 ausschließlich um choralbezogene Werke.

 

Wer Eberhard Kraus kannte, wird zustimmen: viele der oben bezüglich Max Reger genannten Attribute treffen auf seine markante Gestalt ebenso zu. Eberhard Kraus hat auf unzähligen Konzertreisen und bei Gastspielen im In- Ausland weiß Gott auch die Welt gesehen und beeindruckt, viele Auszeichnungen und Preise zeugen davon. Vielleicht ist aber das ein großer Unterschied zu Reger – er blieb seiner Heimatstadt Regensburg Jahrzehnte und bis zu seinem Tode treu, war von hier nicht wegzudenken. Zu hören ist in diesem Programm jedoch eine ganz große Gemeinsamkeit. Wie Max Reger die Grenzen expressiver Harmonik auslotete und sprengte, so hat Eberhard Kraus die Grenzen der Tonalität durch eine eigen geprägte Zwölftontechnik zu weiten und zu überschreiten gesucht. Beide greifen auf Choräle zurück, beide verbinden musikalisches Erbe mit Aufbruch und Neuerung, beide waren höchst kundig in der Musik ihrer Vorgänger und dieser gegenüber geradezu ehrerbietig – beide aber waren überzeugt, dass Musik nur dann weiterleben kann, wenn sie sich auch weiterentwickelt.

 

In der Vorbereitung dieses Programms hatte ich einen Traum, den ich hier gerne teilen will:

In einer urigen Gaststätte in Stadtamhof sitzen Max Reger und Eberhard Kraus an einem Tisch, vor sich – wie es sich gehört – jeder ein Bier und unterhalten sich angeregt. Als ich den Gastraum betrete, werde ich von meinem Lehrer an den Tisch gewunken: „Genga‘s her – der Herr Reger erzählt grad von Brand und sei’m Unterricht beim Lindner und bei sei’m Vater!“. Beim Aufwachen wusste ich zwar nicht mehr genau, was der Herr Reger erzählt hat, aber an die lebhafte und gestenreiche Unterhaltung, herzliches und kräftiges Lachen und vor allem eine große Herzlichkeit konnte ich mich erinnern. Alles nur ein Traum? Nein, im übertragenen Sinne nicht. Denn Menschen prägen Menschen, Musiker prägen Musiker und Eberhard Kraus hat mich als Lehrer und Mensch geprägt wie kaum ein anderer. So bin ich dankbar, heute drei bislang noch nicht aufgeführte Werke von ihm uraufführen zu dürfen. Dankbar widmen will ich diese Stunde aber gleichermaßen meinem Vater, der mir die Liebe zum Chor nahegebracht hat, und meinem prägendsten Chorleitungslehrer, Domkapellmeister Roland Büchner.

„Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens.“

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02 Okt Erntedank, Herr Professor!

Zurück von einem intensiven, reich gefüllten und erfüllenden Wochenende: Freitagnachmittag sowohl heiteres als auch in die Tiefe gehendes Blockseminar an der Hochschule in Köln, Freitagabend eine äußerst erfreuliche und produktive Regioprobe von vox animata in Köln, Samstag ein wunderbarer Kurs mit haupt- und nebenamtlichen Kirchenmusikerkolleg_innen der evangelischen Kirche im Rheinland samt exzellentem Feedback und am heutigen Sonntag – ja heute: Erntedank der besonderen Art in Heidenheim an der Brenz.

Dort bricht mein nunmehr ehemaliger Studierender Jan Martin Chrost auf, um seine erste hauptamtliche Stelle auszufüllen. Kirchenmusiker in der Gemeinde und gleich zum Berufsstart auch demnächst Regionalkantor der Diözese Rottenburg-Stuttgart – das würde manchem alleine schon mehr als genügen, um sich ausgelastet zu fühlen. Aber er will mehr, und zwar nicht mehr an Masse sondern mehr an Substanz und Qualität. Deshalb durfte ich heute zu Gast ein, als mit einem feierlichen Gottesdienst und einem gar nicht mal so kleinen Festakt die katholische Singschule „Musica Cantorum“ Heidenheim gegründet wurde. Welch „Ernte“ für einen Hochschullehrer! Da hat einer nicht nur gelernt, wie’s geht (ich durfte seine Chöre dirigieren und die singen einfach weit überdurchschnittlich gut), sondern er hat auch Feuer gefangen und will dieses Feuer weitergeben. Er hat die Zeichen der Zeit erkannt, Pfarrer und Kirchengemeinderat überzeugt und nicht zuletzt auch seinen Diözesanmusikdirektor. Öffnung, künstlerische und pädagogische Qualität und „spririt“ (im Sinne des abschließenden Liedes „Hauptsache es funkt!“ sollen die Kirchenmusik in Heidenheim zukunftsfähig machen und die nächsten Generationen „mündig“ machen. Wunderbar!

Zufälle gibt es ja bekanntlich nicht. Der Kurs am Samstag in Troisdorf fand in der Gemeinde statt, in der Martin Chrost als Assistent während des Studiums gearbeitet hat; seine ehemalige Chefin ist noch heute voll des Lobes für ihn, ließ ihn natürlich ungern ziehen, aber wünscht ihm genauso alles erdenklich Gute und Gottes Segen für seinen neuen Wirkungskreis. Und dann liegt da noch der Flyer, der den kommenden Lehrgang der Diözese für Kinderchorleiter ausschreibt – verantwortet ebenfalls vom bis vor zwei Tagen noch Immatrikulierten. Schön, wenn die Saat aufgeht und Früchte trägt – so lässt sich Erntedank auch für einen Professor feiern! Und er ist ja nicht der einzige der Ehemaligen, der segensreich wirkt…

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