Allzeithoch Sänger_innen in Deuerling

Man braucht einen langen Atem – das sage ich meinen Studierenden seit vielen Jahren, wenn es darum geht, Chöre in Gemeinden zu verjüngen und auszubauen. In diesem Herbst macht sich dieser lange Atem in Deuerling, dem Ort meiner geliebten Basisarbeit, mehr als bezahlt. Es gab schon Jahre, in denen der Hauptchor („Singkreis“ – wir ändern den Namen nicht… :-)) um die 32 bis 36, mal wieder 40 Mitglieder hatte. Nun zeigen strukturelle Maßnahmen wie die Aufgabe eines eigenen Jugendensembles und die Schaffung von Optionen für Schüler und Arbeitende („early light“ und „late light“) Wirkung: es singen nun über 70 Menschen in diesem „Dorfchor“. Und „Dorf“ meine ich nicht abschätzig, sondern ich will damit nur ausdrücken, dass hier gerade einmal gut 2000 Einwohner registriert sind.

Natürlich hört die Arbeit nie auf. Denn dieser Höchststand hat einen Grund darin, dass die letztjährige älteste Kinderchorgruppe A geschlossen mit 12 Leuten in den Singkreis gewechselt ist. Im Kinderchorbereich geht der Aufbau also nun wieder los und es bedarf bei uns wie überall intensiver Bemühungen, Kinder für das Singen zu gewinnen. Immer muss man dabei sehen: wenn in 5, 6 oder 7 Jahren wieder einmal eine solch große Gruppe wechseln soll, muss die heute eingeladen, motiviert, gehalten und gepflegt werden. Und – meine feste Überzeugung – sie muss Lieder und Literatur singen, die einen Übergang wie jetzt immerhin in das Weihnachtsoratorium von Bach möglich macht.

Völker verbinden – Menschen verbünden

Das sind die Momente, in denen ich überzeugt bin, mit dem, was ich liebe und tue positiv wirken zu können. Mit vox animata bin ich zu Gast in der Ukraine und lerne seit gestern die Stadt Riwne kennen. Eine ungemein herzliche Gastfreundschaft, liebevoller Empfang, offene Kollegialität und größter Respekt kommt uns da entgegen. Und all das uns als Deutschen gegenüber… Ein Absatz aus Wikipedia macht deutlich, warum das nicht selbstverständlich ist:
 
„…Am 28. Juni 1941 wurde Riwne nach der Panzerschlacht bei Dubno-Luzk-Riwne von deutschen Truppen erobert und später dem Reichskommissariat Ukraine zugeordnet. Bei der Einnahme der Stadt war etwa die Hälfte der knapp 60.000 Einwohner jüdischen Glaubens. 23.000 von ihnen wurden nach Zeitzeugen am 8. und 9. November 1941 in einem Wald bei Sosenki erschossen. Die 5000 übrigen Juden wurden in ein Ghetto gesperrt und im Juli 1942 nach Kostopil deportiert, wo man auch sie von Einsatzgruppen ermorden ließ….“
 
Wenn wir als Deutsche also hier Freunde gewinnen können, über die Musik für Menschlichkeit und Frieden eintreten dürfen und in einem Land, in dem Krieg herrscht, Humanität erfahren und zeigen dürfen, ist das wunderbar. Und ich bin überzeugt, dass die jungen Leute, mit denen ich reise, nach diesen Tagen einen anderen Blick auf diesen doch so nahen Teil der Welt, Europas haben werden. Mich jedenfalls bewegt das alles sehr und viele Gespräche über politische Dinge (machen schon nach 24 Stunden diese Reise für mich zu einem großen Gewinn.