Robert Göstl

Teatro del Lago, Chile – internationale Chor- und Orchesterakademie April 2015

Ich war 16 Jahre alt, liebte zu dieser Zeit das Klavier- und Orgelspielen und sang mit Leidenschaft im Chor meines Vaters. Mein Vater war Rektor der örtlichen Grundschule, ebenso wie meine Mutter eine wunderbare Sopranistin war, hatte er eine hervorragende Tenorstimme und war ein so wertschätzender und stetig bestärkender, auch lustiger Pädagoge, dass mir dies noch heute Vorbild und Ansporn ist. Beide Eltern haben nie Gesang studiert, ihre Stimmen aber in sehr guten Chören ein Leben lang gepflegt und entwickelt. Weil beide Lehrer am Ort waren, kam es zu dem heute kaum mehr vorstellbaren „Problem“: es sangen zu viele (!) Kinder in diesem Singkreis Deuerling, einem gemischtstimmigen Chor, und sie konnten in den regulären Proben stimmlich nicht mehr adäquat integriert werden. Auch lernten sie die für einen Laienchor auf dem Dorf sehr anspruchsvollen Partituren bis zu 6- und 8-stimmigen Werken von Rachmaninov und Mendelssohn oder auch Orchestermessen von Mozart und Haydn anders als die Erwachsenen. Zu viel Nachwuchs als Spannungspotenzial im Chor – wer würde sich das heute nicht geradezu wünschen?

Rottweil, 2.7.2016 nach einem Konzert mit Bach-Motetten und a-cappella-Werken von Reger im Rahmen des Sommersprossen-Festivals

Rottweil, 2.7.2016 nach einem Konzert mit Bach-Motetten und a-cappella-Werken von Reger im Rahmen des Sommersprossen-Festivals

Da flatterte eine Einladung des Bayerischen Sängerbundes zu einem Kinderchorleitungsseminar ins Haus und mein Vater schickte mich hin, damit ich mit den Kindern das Singen im „großen Chor“ vorbereiten könne. Nie werde ich vergessen, dass ich als noch-Pubertierender mich bei einer Übung von Sigrid Prosser-Bitterlich hinter dem Vorhang versteckt habe, um nicht zum Vormachen ausgewählt zu werden… vergebens: ich musste vor 30 Zuschauern mit den Worten „Wächter am Tor, Wächter am Tor – mach auf!!!“ auf eine andere Teilnehmerin, ca. 50 Jahre alt und auch nicht begeistert von dieser Situation, losgehen und sie verbal angreifen. Abgesehen von diesem Detail (die Übung verwende ich seit Jahrzehnten selbst in meiner Arbeit) war dieses Seminar aber ein Schlüsselerlebnis noch weit vor dem Musikstudium, mein Horizont wurde geöffnet für die chor-musikalische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Heimgekehrt habe ich dann mit den Kindern des Chores angefangen zu arbeiten, zunächst einfach an ausgewählten Stücken für den Erwachsenenchor. Es wurden weiterhin immer mehr Kinder und nicht ohne Meinungsverschiedenheiten kam es irgendwann dazu, dass aus der nachzuführenden Gruppe ein eigenständiger Kinderchor wurde. Was mich als Idee jedoch nie losgelassen hat: ich wollte immer, dass die von mir betreuten Kinder mit Lust und Freude in unsere Erwachsenenchöre übergehen und dass das Ende der Teilnahme am Kinderchor möglichst der Beginn des Singens im Erwachsenenchor darstellt. Heute leite ich beide Chöre in Deuerling – bei ca. 2000 Einwohnern und einer in den letzten Jahren stetig sinkenden Kinderzahl erleben sie eine seit langem nicht mehr denkbar geglaubte Blüte mit 45 Kindern im Kinderchor und 50 Sängerinnen und Sängern im Jugendlichen- und Erwachsenenchor, letzterer mit einem Altersdurchschnitt von etwa 35 Jahren und einer Bandbreite von 12 bis 77.

Der weg zum Chor war also vorgezeichnet. Studiert habe ich zunächst Lehramt für die Grundschule, aber dort war der Orgelunterricht bei dem damaligen Domorganisten Eberhard Kraus so stark prägend, dass ich umgeschwenkt bin auf die Kirchenmusik. Kirchenmusiker nebenamtlich war ich mein Leben lang, hauptamtlich jedoch nie – denn die Liebe zum Chor und der Wunsch, hier immer weiter zu kommen, haben mich nach Würzburg in Aufbaustudium Chordirigieren geführt. Verwurzelt in Deuerling, über die Jahre in die Chorwelt hineingewachsen, Persönlichkeiten wie Eric Ericson und Kurt Hofbauer kennengelernt, den Deutschen Jugendkammerchor neu aufgebaut und vier Jahre lang geleitet… ein sicher ungewöhnlicher Lebenslauf, einer immer in der Spannung zwischen Basis und Spitze – nicht immer schmerzfrei, aber doch tief bereichernd.

Und deshalb steht hier zunächst keine klassische Vita. Denn falls sich wirklich irgendjemand dafür interessieren sollte, was meine Person und meine Arbeit ausmacht, dann ist es dies: Verbinden und voneinander Lernen:

  • Kinder von Erwachsenen – Ältere von den Jüngeren
  • kleine wie große Sänger von Chorleitern – Pädagogen von den ihnen anvertrauten Menschen
  • Amateure von Profis – höchst Ausgebildete von Naturtalenten
  • Publikum von den Ausführenden – Künstler von den Zuhörern
  • ich von all diesen – ein Leben lang, sehr dankbar.

Für alle, die es nun noch interessiert oder die es für irgendwelche Ankündigungen und Programmhefte brauchen, kommen nun noch Viten in eher klassischer Form. All das, was ich bislang tun durfte und weiter täglich tun darf, steht unter dem oben beschriebenen Spannungsbogen. Ich freue mich sehr, dass gerade Sie sich dafür interessieren und wünsche uns – hier auf dieser Seite oder irgendwann persönlich – gute Begegnungen!

 

Digital StillCamera

Schon länger zurückliegend, dennoch ein sehr liebes Bild: beim Spaziergang mit der Familie auf „meinem“ Pfaffenberg in Deuerling – Ort des Durchatmens und des Überblicks

Robert Göstl (*1969)

Professor für Kinderchorleitung/Singen mit Kindern

Studium Kirchenmusik und Chordirigieren unter anderem bei Roland Büchner und Jörg Straube

10 Jahre Leiter der Vorchöre und Chorpädagoge in der Grundschule der Regensburger Domspatzen

Lehraufträge an den Hochschulen in Regensburg und Würzburg

Umfangreiche Referenten- und Jurytätigkeit in den Bereichen Chorleitung, Kinderchorleitung und Stimmbildung

Dirigent des Deutschen Jugendkammerchores (2010-2014), von vox animata, dem Singkreis Deuerling sowie als Gast im In- und Ausland

Autor der Bücher „Singen mit Kindern“ und „Chorleitfaden“ Band 1 und 2 sowie DVD (beides ConBrio, Regensburg ) sowie zahlreicher Fachbeiträge

Zum Sommersemester 2008 Berufung zum Professor an die Hochschule für Musik in Köln,  2009-2013 vertretungsweise auch im Fach Chorleitung

Mitglied im Artistic Council des europäischen Netzwerks von Profichören Tenso

 

Prof. Robert Göstl (*1969)

Was working for the Regensburger Domspatzen, one of the renowned German cathedral choirs, he took care of the young children choirs (1996-2005) and was the musical leader of the associated elementary school from 2001 to 2005. He was a teacher at the catholic sacral music college in Regensburg and at the university of music in Würzburg. In 2008 he was appointed professor for singing with children at the University of Music and Dance in Cologne, and also taught choral conducting. Robert Göstl is not only a member of various juries for choral conducting competitions and voice training competitions (Europe, Latin America and Asia), but he also released a couple of books. In 1996 he published “Singen mit Kindern“ (“Singing with children“) at ConBrio in Regenburg, and in 2006/2008 he published a compendium to choral singing (“Chorleitfaden“) as well as various essays in his professional field. From his father he took over the „Singkreis Deuerling“ – consisting of two choirs which have been established for over thirty years in Robert Göstl’s home town. He conducted the German Youth Chamber Choir from 2010 till 2014 and is a member in the Artist’s Council and the European network of TENSO professional choirs. His newest choir project is “vox animata”, a semiprofessional chamber choir (www.vox-animata.de).