Eigentlich wollte ich an diesem Silvestermorgen nur eines tun: Postfach 1 leeren. Ordnung herstellen. Abschließen, wenigstens diese eine Baustelle.
Es war einer dieser Tage zwischen den Jahren, an denen Müdigkeit, Dankbarkeit und eine gewisse Erschöpfung nebeneinander stehen. Ein Jahr mit viel Verantwortung, viel Musik, vielen Menschen – und immer wieder der stillen Frage: Was davon ist wirklich wirksam? Und wie lange trage ich das noch?
Und dann war da diese Mail.
Sie kam völlig unerwartet – von einer Sängerin, die erst seit Kurzem bei vox animata mitsingt. Keine langjährige Weggefährtin, keine eingeschworene Stimme. Im Gegenteil: eine äußerst versierte Musikerin, die mit hochrangigen Kolleginnen und Kollegen arbeitet, große Kontexte kennt, professionelle Maßstäbe gewohnt ist und eher zufällig bei uns gelandet war. Gerade deshalb traf mich ihre Rückmeldung mit besonderer Kraft.
Sie beschrieb nicht das Programm, nicht den Applaus, nicht das Ergebnis allein, auch wenn sie auch dies alles positiv benannte. Sie beschrieb Qualitäten der Arbeit, die man sich selbst nicht attestieren kann: wertschätzenden Kontakt, genaues Hinhören, Vertrauen statt Kontrolle, Klarheit ohne Härte, Humor ohne Ironie – und die Zuversicht, dass ein Konzert gelingt, wenn Menschen sich gesehen fühlen.
Vor allem aber formulierte sie einen Gedanken, der mich seit Jahren nicht loslässt und stetig leitet: dass musikalische Qualität ohne Herz leer bleibt. Dass sogenannte Herzensklänge keine Zugabe sind, kein weicher Zusatz, kein pädagogischer Luxus – sondern Grundlage.
Diese Worte kamen nicht aus einem Wohlfühlraum, sondern aus professioneller Erfahrung. Aus dem direkten Vergleich mit anderen Arbeitsweisen. Aus dem Wissen, dass man musikalisch sehr korrekt, sehr renommiert arbeiten kann – und dennoch etwas Entscheidendes verliert, wenn Sarkasmus, Ego oder Angst den Raum dominieren.
Ich habe diese Rückmeldung nicht als persönliches Lob gelesen. Sie galt einer Gemeinschaft: den Sängerinnen und Sängern von vox animata, der Organisation, der Betreuung vor Ort. Und sie wies zugleich über dieses Projekt hinaus.
Denn genau diese Fragen begleiten mich auch in anderen Zusammenhängen: im Rundfunk-Jugendchor Wernigerode, am Landesgymnasium für Musik, in Kursen und Workshops. Immer wieder geht es um dieselbe Spannung: zwischen Anspruch und Beziehung, zwischen Führung und Vertrauen, zwischen Ergebnis und Haltung.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich entscheidet, ob Arbeit auf Dauer trägt oder ausbrennt. Ob Musik verbindet oder nur funktioniert. Ob äußerer Glanz als Fassade oder innere Werte als wahre Schönheit wichtiger sind.
Zum Jahresende empfinde ich große Dankbarkeit für diesen Moment des Gelesen-Werdens. Nicht, weil er alles beantwortet. Sondern weil er erinnert. Daran, warum ich Musik so mache, wie ich sie mache. Und warum es sich lohnt, diesen Weg gemeinsam zu gehen – mit all jenen, die diese Haltung teilen, wertschätzen und auf ganz unterschiedlichen Ebenen mittragen.
Für das neue Jahr wünsche ich mir – und uns allen – Räume, in denen Menschen sich willkommen fühlen. Und Musik, die trägt.
Bleibt (oder werdet) vor allem gesund – alles andere möge sich glücklich fügen!



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