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Tempora mutantur et nos mutamur in illis
Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen.
Im Programmheft zum 75-jährigen Jubiläum des Rundfunk-Jugendchores Wernigerode habe ich versucht, nicht nur auf die Geschichte des Chores zurückzublicken, sondern auch eine Frage zu stellen: Was bedeutet Tradition heute?
Der folgende Text hat sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen – von großer Zustimmung bis hin zu kritischen Rückfragen. Das überrascht mich nicht. Denn ein Chor, eine Schule und eine Gesellschaft leben nicht allein von der Bewahrung des Erreichten, sondern auch von der Auseinandersetzung mit der Zukunft.
Deshalb dokumentiere ich diesen Beitrag hier noch einmal.
Tempora mutantur et nos mutamur in illis
Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen
Woher kommen wir?
Der Rundfunk-Jugendchor Wernigerode (RJC) wurde am 16. Mai 1951 von Friedrich Krell als Chor der EOS „Gerhart Hauptmann“ gegründet und entwickelte sich schnell zu einem der bekanntesten Jugendchöre der DDR. Zahlreiche Wettbewerbserfolge, Rundfunk- und Tonträgerproduktionen sowie Konzertreisen prägten den Chor. Dabei war der RJC bewusst ein leistungsorientierter Auswahlchor und erhielt den Ehrentitel „Rundfunk-Jugendchor“ für seine zahlreichen Einspielungen.
Die in der Folge entstandenen Spezialklassen Musik wurden zu einem Vorbild für ähnliche Einrichtungen, unzählige Musikerinnen und Musiker sowie Musikpädagoginnen und Musikpädagogen wurden hier geprägt und gaben die Leidenschaft für den Chorgesang weiter. Nach Friedrich Krell führten Helko Siede und Peter Habermann den Chor höchst erfolgreich durch sehr unterschiedliche Zeiten. Dass der RJC auch nach der politischen Wende sichtbar, lebendig und relevant blieb, verdankt er nicht zuletzt seiner musikalischen Qualität. Die Gründung des Landesgymnasiums für Musik wäre ohne den großen Namen des RJC undenkbar gewesen.
Wo stehen wir?
Die musikalische Arbeit reicht weiterhin von Renaissance und Romantik bis hin zu zeitgenössischer Chormusik, Uraufführungen und spartenübergreifenden Projekten. Gleichzeitig bleiben das beinahe tägliche gemeinsame Proben und Reisen das eigentliche Zentrum des Chores. Wettbewerbsteilnahmen rücken gegenüber neuen Konzertformaten und Begegnungsprojekten in den Hintergrund und die Öffnung hin zu populären Stilen kommt beim Publikum sehr gut an.
Es geht in der Chorszene 2026 längst nicht mehr nur um musikalische Exzellenz. Der RJC versteht sich als Ort von Bildung, Verantwortung und Gemeinschaft. Junge Menschen lernen hier, einander zuzuhören, Leistungen gemeinsam zu tragen, Konflikte auszuhalten, Verantwortung zu übernehmen und mit Offenheit auf die Welt zu schauen. Zu dieser Offenheit gehört es, wahrzunehmen, was in der lebendigen Chor- und a-cappella-Szene alles an neuen Ausdrucksformen entsteht. Die Patenschaft von Calmus für den RJC ist diesbezüglich ein Meilenstein – für die Jugendlichen wird „state of the art“ in jeder Begegnung spürbar.
Wohin gehen wir?
Respekt vor den Ursprüngen darf nie Stillstand bedeuten. Der RJC und das ihn tragende Landesgymnasium für Musik werden sich weiter verändern müssen – musikalisch, gesellschaftlich und pädagogisch. Jede Generation bringt neue Fragen, neue Erfahrungen und neue Themen mit und erwartet zu Recht, dass sich diese im täglichen Tun wiederfinden.
Dies bedeutet gleichermaßen Herausforderung und Chance. Denn Bildung/Schule, Musik/Chor leben nicht davon, Vergangenheit zu konservieren, sondern davon, Wesentliches weiterzugeben und gleichzeitig offen für Neues zu bleiben. Wenn es gelingt, auch künftig musikalische Qualität, menschliche Haltung, Neugier und Gemeinschaft in eine ausgewogene Balance zu bringen, werden Ehemalige dieses Chores in der Gesellschaft ihre Stimme erheben.
Robert Göstl
75 Jahre RJC sind für mich kein Endpunkt, sondern ein Auftrag, die nächsten Kapitel mitzugestalten.
Über Wirkung, Haltung und das Glück, richtig wahrgenommen zu werden
Eigentlich wollte ich an diesem Silvestermorgen nur eines tun: Postfach 1 leeren. Ordnung herstellen. Abschließen, wenigstens diese eine Baustelle.
Es war einer dieser Tage zwischen den Jahren, an denen Müdigkeit, Dankbarkeit und eine gewisse Erschöpfung nebeneinander stehen. Ein Jahr mit viel Verantwortung, viel Musik, vielen Menschen – und immer wieder der stillen Frage: Was davon ist wirklich wirksam? Und wie lange trage ich das noch?
Und dann war da diese Mail.
Sie kam völlig unerwartet – von einer Sängerin, die erst seit Kurzem bei vox animata mitsingt. Keine langjährige Weggefährtin, keine eingeschworene Stimme. Im Gegenteil: eine äußerst versierte Musikerin, die mit hochrangigen Kolleginnen und Kollegen arbeitet, große Kontexte kennt, professionelle Maßstäbe gewohnt ist und eher zufällig bei uns gelandet war. Gerade deshalb traf mich ihre Rückmeldung mit besonderer Kraft.
Sie beschrieb nicht das Programm, nicht den Applaus, nicht das Ergebnis allein, auch wenn sie auch dies alles positiv benannte. Sie beschrieb Qualitäten der Arbeit, die man sich selbst nicht attestieren kann: wertschätzenden Kontakt, genaues Hinhören, Vertrauen statt Kontrolle, Klarheit ohne Härte, Humor ohne Ironie – und die Zuversicht, dass ein Konzert gelingt, wenn Menschen sich gesehen fühlen.
Vor allem aber formulierte sie einen Gedanken, der mich seit Jahren nicht loslässt und stetig leitet: dass musikalische Qualität ohne Herz leer bleibt. Dass sogenannte Herzensklänge keine Zugabe sind, kein weicher Zusatz, kein pädagogischer Luxus – sondern Grundlage.
Diese Worte kamen nicht aus einem Wohlfühlraum, sondern aus professioneller Erfahrung. Aus dem direkten Vergleich mit anderen Arbeitsweisen. Aus dem Wissen, dass man musikalisch sehr korrekt, sehr renommiert arbeiten kann – und dennoch etwas Entscheidendes verliert, wenn Sarkasmus, Ego oder Angst den Raum dominieren.
Ich habe diese Rückmeldung nicht als persönliches Lob gelesen. Sie galt einer Gemeinschaft: den Sängerinnen und Sängern von vox animata, der Organisation, der Betreuung vor Ort. Und sie wies zugleich über dieses Projekt hinaus.
Denn genau diese Fragen begleiten mich auch in anderen Zusammenhängen: im Rundfunk-Jugendchor Wernigerode, am Landesgymnasium für Musik, in Kursen und Workshops. Immer wieder geht es um dieselbe Spannung: zwischen Anspruch und Beziehung, zwischen Führung und Vertrauen, zwischen Ergebnis und Haltung.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich entscheidet, ob Arbeit auf Dauer trägt oder ausbrennt. Ob Musik verbindet oder nur funktioniert. Ob äußerer Glanz als Fassade oder innere Werte als wahre Schönheit wichtiger sind.
Zum Jahresende empfinde ich große Dankbarkeit für diesen Moment des Gelesen-Werdens. Nicht, weil er alles beantwortet. Sondern weil er erinnert. Daran, warum ich Musik so mache, wie ich sie mache. Und warum es sich lohnt, diesen Weg gemeinsam zu gehen – mit all jenen, die diese Haltung teilen, wertschätzen und auf ganz unterschiedlichen Ebenen mittragen.
Für das neue Jahr wünsche ich mir – und uns allen – Räume, in denen Menschen sich willkommen fühlen. Und Musik, die trägt.
Bleibt (oder werdet) vor allem gesund – alles andere möge sich glücklich fügen!