Völker verbinden – Menschen verbünden

Das sind die Momente, in denen ich überzeugt bin, mit dem, was ich liebe und tue positiv wirken zu können. Mit vox animata bin ich zu Gast in der Ukraine und lerne seit gestern die Stadt Riwne kennen. Eine ungemein herzliche Gastfreundschaft, liebevoller Empfang, offene Kollegialität und größter Respekt kommt uns da entgegen. Und all das uns als Deutschen gegenüber… Ein Absatz aus Wikipedia macht deutlich, warum das nicht selbstverständlich ist:
 
„…Am 28. Juni 1941 wurde Riwne nach der Panzerschlacht bei Dubno-Luzk-Riwne von deutschen Truppen erobert und später dem Reichskommissariat Ukraine zugeordnet. Bei der Einnahme der Stadt war etwa die Hälfte der knapp 60.000 Einwohner jüdischen Glaubens. 23.000 von ihnen wurden nach Zeitzeugen am 8. und 9. November 1941 in einem Wald bei Sosenki erschossen. Die 5000 übrigen Juden wurden in ein Ghetto gesperrt und im Juli 1942 nach Kostopil deportiert, wo man auch sie von Einsatzgruppen ermorden ließ….“
 
Wenn wir als Deutsche also hier Freunde gewinnen können, über die Musik für Menschlichkeit und Frieden eintreten dürfen und in einem Land, in dem Krieg herrscht, Humanität erfahren und zeigen dürfen, ist das wunderbar. Und ich bin überzeugt, dass die jungen Leute, mit denen ich reise, nach diesen Tagen einen anderen Blick auf diesen doch so nahen Teil der Welt, Europas haben werden. Mich jedenfalls bewegt das alles sehr und viele Gespräche über politische Dinge (machen schon nach 24 Stunden diese Reise für mich zu einem großen Gewinn.

„Wonderful World?“ – Motivation zum Konzert am 29.9.18

Für die Pressearbeit wurde ich um einen Text gebeten, der meine Motivation für das wohl bislang besonderste Konzertprojekt meiner Laufbahn schildert. „Wonderful World?“ wird sich mit dem Thema Depression befassen. Textlich und musikalisch.

Das ist mir dazu eingefallen:

„Auch in meinem Umfeld bin ich dem Thema Depression mehr als einmal begegnet – sowohl in der Familie als auch im Freundeskreis und nicht zuletzt auch unter Musikerkollegen. Depression ist dabei nicht ein klar umrissener Zustand, eine klar erkennbare Krankheit. Manche Menschen artikulieren sich in ihrer Krankheit und lassen sich behandeln, andere verweigern sowohl die Einsicht in eine krankhafte Bedrohung ihrer selbst als auch Hilfe von außen, bei wieder anderen erscheinen die Grenzen zwischen Traurigkeit, Resignation und eben Depression fließend. Was also ist krank – wer ist diesbezüglich überhaupt gesund? 

Die Vorbereitung dieses Konzertes war inhaltlich so aufwendig, wie ich sie noch selten erlebt habe. Gleichzeitig war sie so erfüllend und lehrreich, wie man sich das als empathischer Musiker öfter wünschen würde. Das Ringen um die Struktur des Programms, um die verschiedenen Facetten des Themas, um die Frage, wie persönlich man sich da hineinbegibt, ob es eben „Wonderful World“ oder „Wonderful World!“ oder „Wonderful World?“ heißen soll – all das lässt für mich vor allem immer wieder ein Hin- und Hergerissensein aufbrechen, das so ähnlich auch viele Betroffene schildern. 

Unsere Musik deutet nur, gibt zum Teil höchstens Zeit und Raum zum Nachdenken. Wo Musik heilen kann, war vorher Traurigkeit, war Melancholie, war es eine triste Gemütslage. Aber eine Krankheit ist etwas anderes und es gehört zur Aufklärungsarbeit dieses Abends, dass sich eben nicht jeder anmaßt, mit wohlgemeinten Ratschlägen Depressiven helfen zu wollen; hier braucht es Ärzte, Fachleute. Für mich ist es ein Glücksfall, dass den roten Faden des Ganzen Texte bilden, die von einer Betroffenen stammen und die von deren damaligem Freund gelesen werden. Sie hat sie ihm vor ihrem Suizid anvertraut, um über die Krankheit aufzuklären. Wenn dies an diesem Abend erreicht würde, wären wir schon sehr glücklich.“