„Wonderful World?“ – Motivation zum Konzert am 29.9.18

Für die Pressearbeit wurde ich um einen Text gebeten, der meine Motivation für das wohl bislang besonderste Konzertprojekt meiner Laufbahn schildert. „Wonderful World?“ wird sich mit dem Thema Depression befassen. Textlich und musikalisch.

Das ist mir dazu eingefallen:

„Auch in meinem Umfeld bin ich dem Thema Depression mehr als einmal begegnet – sowohl in der Familie als auch im Freundeskreis und nicht zuletzt auch unter Musikerkollegen. Depression ist dabei nicht ein klar umrissener Zustand, eine klar erkennbare Krankheit. Manche Menschen artikulieren sich in ihrer Krankheit und lassen sich behandeln, andere verweigern sowohl die Einsicht in eine krankhafte Bedrohung ihrer selbst als auch Hilfe von außen, bei wieder anderen erscheinen die Grenzen zwischen Traurigkeit, Resignation und eben Depression fließend. Was also ist krank – wer ist diesbezüglich überhaupt gesund? 

Die Vorbereitung dieses Konzertes war inhaltlich so aufwendig, wie ich sie noch selten erlebt habe. Gleichzeitig war sie so erfüllend und lehrreich, wie man sich das als empathischer Musiker öfter wünschen würde. Das Ringen um die Struktur des Programms, um die verschiedenen Facetten des Themas, um die Frage, wie persönlich man sich da hineinbegibt, ob es eben „Wonderful World“ oder „Wonderful World!“ oder „Wonderful World?“ heißen soll – all das lässt für mich vor allem immer wieder ein Hin- und Hergerissensein aufbrechen, das so ähnlich auch viele Betroffene schildern. 

Unsere Musik deutet nur, gibt zum Teil höchstens Zeit und Raum zum Nachdenken. Wo Musik heilen kann, war vorher Traurigkeit, war Melancholie, war es eine triste Gemütslage. Aber eine Krankheit ist etwas anderes und es gehört zur Aufklärungsarbeit dieses Abends, dass sich eben nicht jeder anmaßt, mit wohlgemeinten Ratschlägen Depressiven helfen zu wollen; hier braucht es Ärzte, Fachleute. Für mich ist es ein Glücksfall, dass den roten Faden des Ganzen Texte bilden, die von einer Betroffenen stammen und die von deren damaligem Freund gelesen werden. Sie hat sie ihm vor ihrem Suizid anvertraut, um über die Krankheit aufzuklären. Wenn dies an diesem Abend erreicht würde, wären wir schon sehr glücklich.“

Vorbereitung: in die Tiefe eintauchen

Die Konzert-, Workshop- und Begegnungsreise meines Kammerchores vox animata steht unmittelbar bevor. Es ist wie so oft: da gibt es Organisatorisches zu klären, Finanzielles und nicht selten auch Zwischenmenschliches; „Vorbereitung“ besteht bei solchen Projekten oft in Email-Schreiben und Listen-Führen.

Man lässt sich davon unterschiedlich stark in Beschlag nehmen und mir gelingt es in letzter Zeit immer besser, das alles beiseite zu legen und mich ganz der Musik und deren Hintergründen zu widmen. Ein schönes Beispiel hierfür habe ich in der letzten Stunde erlebt und ich teile es gerne, auf dass es vielleicht auch andere als Impuls nehmen, sich den Kern künstlerischen und musikpädagogischen Tuns nicht wegnehmen zu lassen.

Gemeinsam mit dem Kinderchor „Vivat musica“ meiner phantastischen Kollegin Natalia Pavliuchuk werden unsere Damen den kleinen Zyklus „Idegen földön“ von György Ligeti singen. „In der Fremde“ lautet der deutsche Titel und einer ungarischen Freundin nach sind die deutschen Textübertragungen (übrigens auch singbar) von Hilger Schallehn sehr nahe am ungarischen Originaltext. Wir werden das Stück in Englisch singen; auch hier bietet die Schott-Ausgabe eine sehr gute, poetisch nachvollziehbare Variante an.

Eintauchen heißt zunächst natürlich Spielen und Singen. Sich etwas Zeit zu nehmen, um nicht nur notdürftig alles zu erfassen und Fehler zu vermeiden, sondern um Schönheiten zu entdecken und Interpretationsspielräume auszuloten, dafür nehme zumindest ich mir leider nicht immer die Zeit, die das braucht. Hier geht es „nur“ um einen dreistimmigen Frauenchorsatz, partiturspieltechnisch also keine echte Herausforderung – dennoch liebe ich es, solch kleine Dinge dann wirklich zum Klingen zu bringen und sie ganz zu erfassen.

Dann ist da der Text. Hier sind die Vorlagen von Bálint Balassa und aus der ungarischen sowie slowakischen Volksdichtung und es sind sehr kurze, bis auf das letzte sehr melancholische Texte, die allesamt beschreiben, wie sich jemand fühlt, der fern seiner Heimat lebt. Was könnte zeitgemäßer sein im Jahre 2018? Millionen Menschen leben so, fühlen so, trauern so und sehnen sich so. Was könnte pädagogisch besser geeignet sein, um Mitmenschlichkeit und Humanismus diesen über die ganze Welt Fliehenden gegenüber zu bewirken, als diese kleinen Stücke mit jungen Menschen zu singen? Es ist wunderschöne Musik, ja. Aber sie bildet nicht zuletzt die Herzen und schafft Empathie. Bewusst schreibe ich diese Zeilen in den Tagen der unsäglichen Krawalle und Hetzjagden von Chemnitz.

Schließlich habe ich mir dann wieder einmal die Zeit genommen, kurz in Ligetis Biographie hineinzulesen. Die vier Mini-Chöre sind ein absolutes Frühwerk von 1945 (1946). Im Jahr 1945 wurden im März Ligetis jüngerer Bruder in Mauthausen und im April sein Vater in Bergen-Belsen ermordet. Gläubige Juden waren sie nicht, aber Juden waren sie halt – der Vater sogar hochdekorierter Held des 1. Weltkriegs. Ob bei Bach, Mozart oder eben Ligeti: die Musik, die ein Mensch komponiert oder musiziert, ist nie losgelöst von seinen Lebensumständen zu erfassen. Und das werde ich (hoffentlich ohne erhobenen Zeigefinger) meinen Chorleuten nächste Woche versuchen, nahezubringen. Das ist die Art, wie ich arbeiten möchte.