Alte Hüte für junge Köpfe – Barock, Klassik und Romantik mit Kindern und Jugendlichen

„Was meinst du – kann man mit Kindern unsere alte Musik machen?“ 2014 haben mir die Mitglieder des Ensembles Stimmwerck diese Frage gestellt und ich habe spontan „Ja, natürlich!“ gesagt. Daraus ist ein Projekt entstanden, bei dem eine ferienbedingt verkleinerte Besetzung meines Dorfkinderchores mit den Profis in zwei Konzerten im August 2015 gesungen hat – und zwar Michael Praetorius (und Arvo Pärt).

Kinderchor Deuerling bei den Stimmwerck-Tagen August 2015

Kinderchor Deuerling bei den Stimmwerck-Tagen August 2015

Kinder und Jugendliche werden manchmal unterschätzt – ebenso wie die Kraft guter Musik aus vergangenen Jahrhunderten. Beidem gegenzusteuern empfinde ich als wichtigen Teil meines Berufes, denn ich habe über Jahrzehnte die Erfahrung gemacht, dass junge Menschen ausgesprochen gerne Musik aus Barock, Klassik und Romantik singen, wenn man sie ihnen denn a) überhaupt anbietet und b) auch entsprechend erschließt.

Heute nun war ich zu Gast in Essen bei meinem lieben Freund und Kollegen Werner Schepp, der neben seiner tollen regulären Hochschularbeit nun auch bereits seit sieben Jahren einen Studientag anbietet. Was gut ist, spricht sich rum: seit Jahren ist die Veranstaltung ausgebucht. Es war mir eine große Freude und Ehre, dort heute die Plenumsveranstaltung bestreiten zu dürfen, und ausgesucht hatte ich mir das Thema in der Überschrift.

Es sollte nicht nur eine Schau geeigneter Stücke sein, sondern ich wollte mögliche Zugänge aufzeigen, technische Voraussetzungen und Herangehensweisen erarbeiten und nicht zuletzt mit O-Tönen „meiner“ Chorkinder zuhause deutlich machen: junge Köpfe wollen und brauchen vielfältigen, farbenreichen und substanziellen Stoff, um sich musikalisch entwickeln zu können. Und die Stimmen, die hinter diesen Köpfen stecken, brauchen dosierte und aufeinander aufbauende technische Herausforderungen, um wachsen und ihr Potenzial voll ausschöpfen zu können.

Einige Stücke und markante Gedanken dazu:

  • Einstieg mit warm-up zu Beethoven „Signor Abbate“ – spielen mit der Stimme, Ausdruck als Mittel der Stimmbildung, der Kanon als anspruchsvolle Kunstform.
  • Rheinberger „Sanctus“ aus der „Missa puerorum“: welche Qualitätskriterien finden Kinder, wenn sie danach gefragt werden, wieso sie das Stück so lieben? Klang – Linie und Bogen – dynamische Schattierungen bis an die Grenzen – treffende Musik zum Wort von der Herrlichkeit im Himmel und auf Erden.
  • Mozart „Als aus Ägypten Israel“: ein einstimmiges, echt klassisches Lied – ideal zum Erfahren der Stilistik und Tonsprache, dabei ein denkbar aktueller Textbezug zu den Dramen, die sich um Flüchtende unserer Zeit täglich abspielen.
  • Neue Kompositionen „im alten Stil“: zweimal barocke Anklänge zur Weihnachtszeit mit Uwe Petersen „Die Weihnachtsgeschichte“ und „Uns ist ein Kindlein heut geborn“ aus dem Freiburger Kinderchorbuch (Johannes Matthias Michel)
  • „Starke“ und damit gut zu erlernende Mehrstimmigkeit in der Romantik: Das kleine „Mailied“ von Franz Schubert mit einfachen, aber einprägsamen Linien in den Nebenstimmen und „Puer natus in Bethlehem“ noch einmal von Rheinberger, in dem das Lernen einer einzigen Sequenz 35% des Notentextes erledigt und wo mustergültig das Erkennen von Parallelstimmen geübt werden kann.
  • Was war noch? Ein echt „fetziges“ Heilig“ aus dem Freiburger Kinderchorbuch mit Instrumenten, Koloraturen und einem Kopf-schüttel-Triller am Ende – ganz am Ende der einfache aber wunderbare Text von „Hab oft im Kreise der Lieben“ im Satz von Silcher, den man phantastisch entweder mit Jugendlichen oder in einer Kombination aus Kinderchor und Frauenstimmen realisieren kann.
  • Was hätte ich noch gehabt? Rathgeber – herrlich! Grieg – fein und besonders! Banchieri – lustig und verspielt! Schumann – düster und dramatisch! Na ja… vielleicht sehen wir uns ja wieder 🙂

„Hab oft im Kreise der Lieben in duftigem Grase geruht und mir ein Liedlein gesungen – und alles war wieder gut.

Hab einsam auch mich gehärmet in bangem, düsterem Mut und habe wieder gesungen – und alles war wieder gut.

Und manches, was ich erfahren, verkocht ich in stiller Wut – und kam ich wieder zu singen, war alles auch wieder gut.

Sollst uns nicht lange klagen, was alles dir wehe tut – nur frisch, nur frisch gesungen, und alles wird wieder gut!“

(Adalbert von Chamisso – 1781-1838)  

Zusammenarbeit Chor und Schule

Der Gong tönt dreimal und die 94 Kinder der Grundschule Deuerling strömen vom Pausenhof zurück in ihre Klassenräume. „Herr Göstl!“ ruft die kleine M. aus der 1. Klasse durch den ganzen Flur und stürmt auf mich zu. Sie will mir um den Hals fallen, aber weil der zu weit oben ist, wird’s eben der Bauch; ich versuche behutsam, das Bedürfnis nach Nähe etwas im Zaum zu halten (meinen männlichen Studierenden rate ich immer, das sehr auf Distanz zu halten, damit sie nicht in ein falsches Licht geraten – mit meinen 46 und als zweifacher Familienvater sehe ich es lächelnd gelassen, bin ja eher schon der Opa). Die Hälfte der 1. Klasse tut es M. nach und weil die daneben stehende Kollegin einfach nur freundlich lacht, beschließe ich: das ist alles so in Ordnung!

Die Zusammenarbeit zwischen der örtlichen Grundschule und mir als Chorleiter läuft blendend. Das ist ein Grund dafür, dass im 2000-Seelen-Ort mit der beschrieben kleinen Schule nun fast 50 Kinder im Kinderchor singen. Kooperation hängt immer auch stark von den handelnden Personen ab und mit der Rektorin Frau Amann und ihrem Team habe ich einfach tolle Partner.

Was macht eine Kooperation stark?

Zunächst meiner Meinung nach das gegenseitige Wahrnehmen und Anerkennen von Engagement und Können. Wer alles besser weiß oder wer auch nur ansatzweise Geringschätzung ausstrahlt, wird als Partner kaum willkommen sein. Ich finde toll, was an dieser Schule passiert und ich sage das auch laut; die Kolleginnen spüren, dass ich es ernst meine.

Dann gedeiht Partnerschaft immer dort, wo man dem anderen gibt, was er braucht. Klingt banal, ist aber selten der Fall. Wenn ich als Musiker mich der Schulleitung von vorneherein mit der Absicht nähere, Kinder für meinen Chor zu gewinnen, ist das eine völlig andere Sache, als wenn ich frage: „Was braucht ihr? Wie kann ich euch helfen?“. Aus dieser Frage heraus ist entstanden, dass ich nun zum dritten Mal für Schulfeiern mit den Kindern in der Unterrichtszeit Lieder einstudiert habe, gerne auch zu Zeiten, wenn Lehrkräfte krank und Not an der Frau war. Auch wird dankbar angenommen, wenn man sich ganz bescheiden einfach ans Klavier setzt und bei der Verabschiedung der 4. Klasse das von den Lehrkräften einstudierte Lied begleitet.

Es gibt noch viele Punkte mehr, einen dritten jedoch will ich hier noch nennen: Partnerschaft braucht Verlässlichkeit und Rücksicht auf die Gegebenheiten. Termine rechtzeitig absprechen, anrufen zu Zeiten, in denen ein Telefonat in Ruhe angenommen werden kann, Probenzeiten auf Schulstunden abstimmen und einrechnen, dass Wege vom und zum Klassenzimmer zurückgelegt werden müssen, sich mit räumlichen Voraussetzungen arrangieren, auch wenn es nicht ideal ist – das und vieles mehr kann man aktiv beitragen und es wird einem dankbar vergolten.

Meine Mittwochsgruppe im Kinderchor war Anfang des Schuljahres nur 4 Kinder „groß“, jetzt sind es 9 (Steigerungsrate: 125%). Die Jungs und Mädels der 1. Klasse haben den mehrmaligen Kontakt mit mir gebraucht, um sich zum Schnuppern zu entscheiden. Und Kinder wie Eltern spüren: der Chorleiter hat das Vertrauen vieler Kinder und vieler Familien. Kein Plakat und kein Flyer der Welt, keine Website und kein Facebook können das toppen.