Dankbar – gleich vielfach

Das war ein wunderbares Konzert mit einem wunderbaren Chor! vox animata ist gerade mal anderthalb Jahre alt und kann sich wirklich hören lassen. Es macht unglaubliche Freude, mit so sympathischen Menschen so tolle Musik machen zu dürfen. Und viele leisten darüber hinaus kleinere bis größte Hilfen, ohne die das alles nicht möglich wäre.

Dankbar sind wir natürlich auch für die hervorragende Rezension von Gerhard Dietel – hier nachzulesen:

http://www.mittelbayerische.de/kultur-nachrichten/vox-animata-meistert-schwere-aufgabe-21853-art1442008.html

Und dann hätte ich da noch den Einleitungstext zu diesem Konzert, den ich gerne hier mitteile – liest ja eh nur, wer Zeit und Freude daran hat.

Gedanken zum Programm

Menschen prägen eine Region, Regionen prägen Menschen. Musik prägt eine Region, eine Region prägt Musik. Und schließlich prägen Menschen anderen Menschen, Musiker andere Musiker. „In memoriam“ ist dieses Konzert überschrieben und das Gedenken ist vor allem eines an persönliche, wechselseitige Prägungen in diesem Sinne.

 

Max Reger ist im Gedenkjahr seines 100. Todestages nicht nur in seiner Heimat Oberpfalz in beinahe aller Munde. Kaum ein Komponist wird interessanterweise so sehr seiner Heimatregion zugeschrieben, obwohl er doch weite Strecken seines Lebens und bedeutende Phasen seiner Karriere außerhalb der Oberpfalz verbrachte. Doch dieser „Typ Reger“, eigenwillig, fußend auf Tradition und diese doch bewusst aufbrechend, streitbar, umstritten und gleichwohl hinter manchem Gepolter große Unsicherheit und Zerrissenheit verbergend passt in diese Landschaft, kann und mag seine Herkunft auch nicht verleugnen. Über sein Komponieren ist 2016 viel Kluges und Gutes geschrieben worden – in unserem Konzert kommt er mit kleineren Werken seiner Orgelmusik und mit dem wohl bekanntesten Chorwerk, den geistlichen Gesängen op. 138 zu Wort – zu Wort im wahrsten Sinne, handelt es sich doch außer der Fuge op. 59 ausschließlich um choralbezogene Werke.

 

Wer Eberhard Kraus kannte, wird zustimmen: viele der oben bezüglich Max Reger genannten Attribute treffen auf seine markante Gestalt ebenso zu. Eberhard Kraus hat auf unzähligen Konzertreisen und bei Gastspielen im In- Ausland weiß Gott auch die Welt gesehen und beeindruckt, viele Auszeichnungen und Preise zeugen davon. Vielleicht ist aber das ein großer Unterschied zu Reger – er blieb seiner Heimatstadt Regensburg Jahrzehnte und bis zu seinem Tode treu, war von hier nicht wegzudenken. Zu hören ist in diesem Programm jedoch eine ganz große Gemeinsamkeit. Wie Max Reger die Grenzen expressiver Harmonik auslotete und sprengte, so hat Eberhard Kraus die Grenzen der Tonalität durch eine eigen geprägte Zwölftontechnik zu weiten und zu überschreiten gesucht. Beide greifen auf Choräle zurück, beide verbinden musikalisches Erbe mit Aufbruch und Neuerung, beide waren höchst kundig in der Musik ihrer Vorgänger und dieser gegenüber geradezu ehrerbietig – beide aber waren überzeugt, dass Musik nur dann weiterleben kann, wenn sie sich auch weiterentwickelt.

 

In der Vorbereitung dieses Programms hatte ich einen Traum, den ich hier gerne teilen will:

In einer urigen Gaststätte in Stadtamhof sitzen Max Reger und Eberhard Kraus an einem Tisch, vor sich – wie es sich gehört – jeder ein Bier und unterhalten sich angeregt. Als ich den Gastraum betrete, werde ich von meinem Lehrer an den Tisch gewunken: „Genga‘s her – der Herr Reger erzählt grad von Brand und sei’m Unterricht beim Lindner und bei sei’m Vater!“. Beim Aufwachen wusste ich zwar nicht mehr genau, was der Herr Reger erzählt hat, aber an die lebhafte und gestenreiche Unterhaltung, herzliches und kräftiges Lachen und vor allem eine große Herzlichkeit konnte ich mich erinnern. Alles nur ein Traum? Nein, im übertragenen Sinne nicht. Denn Menschen prägen Menschen, Musiker prägen Musiker und Eberhard Kraus hat mich als Lehrer und Mensch geprägt wie kaum ein anderer. So bin ich dankbar, heute drei bislang noch nicht aufgeführte Werke von ihm uraufführen zu dürfen. Dankbar widmen will ich diese Stunde aber gleichermaßen meinem Vater, der mir die Liebe zum Chor nahegebracht hat, und meinem prägendsten Chorleitungslehrer, Domkapellmeister Roland Büchner.

„Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens.“

Erntedank, Herr Professor!

Zurück von einem intensiven, reich gefüllten und erfüllenden Wochenende: Freitagnachmittag sowohl heiteres als auch in die Tiefe gehendes Blockseminar an der Hochschule in Köln, Freitagabend eine äußerst erfreuliche und produktive Regioprobe von vox animata in Köln, Samstag ein wunderbarer Kurs mit haupt- und nebenamtlichen Kirchenmusikerkolleg_innen der evangelischen Kirche im Rheinland samt exzellentem Feedback und am heutigen Sonntag – ja heute: Erntedank der besonderen Art in Heidenheim an der Brenz.

Dort bricht mein nunmehr ehemaliger Studierender Jan Martin Chrost auf, um seine erste hauptamtliche Stelle auszufüllen. Kirchenmusiker in der Gemeinde und gleich zum Berufsstart auch demnächst Regionalkantor der Diözese Rottenburg-Stuttgart – das würde manchem alleine schon mehr als genügen, um sich ausgelastet zu fühlen. Aber er will mehr, und zwar nicht mehr an Masse sondern mehr an Substanz und Qualität. Deshalb durfte ich heute zu Gast ein, als mit einem feierlichen Gottesdienst und einem gar nicht mal so kleinen Festakt die katholische Singschule „Musica Cantorum“ Heidenheim gegründet wurde. Welch „Ernte“ für einen Hochschullehrer! Da hat einer nicht nur gelernt, wie’s geht (ich durfte seine Chöre dirigieren und die singen einfach weit überdurchschnittlich gut), sondern er hat auch Feuer gefangen und will dieses Feuer weitergeben. Er hat die Zeichen der Zeit erkannt, Pfarrer und Kirchengemeinderat überzeugt und nicht zuletzt auch seinen Diözesanmusikdirektor. Öffnung, künstlerische und pädagogische Qualität und „spririt“ (im Sinne des abschließenden Liedes „Hauptsache es funkt!“ sollen die Kirchenmusik in Heidenheim zukunftsfähig machen und die nächsten Generationen „mündig“ machen. Wunderbar!

Zufälle gibt es ja bekanntlich nicht. Der Kurs am Samstag in Troisdorf fand in der Gemeinde statt, in der Martin Chrost als Assistent während des Studiums gearbeitet hat; seine ehemalige Chefin ist noch heute voll des Lobes für ihn, ließ ihn natürlich ungern ziehen, aber wünscht ihm genauso alles erdenklich Gute und Gottes Segen für seinen neuen Wirkungskreis. Und dann liegt da noch der Flyer, der den kommenden Lehrgang der Diözese für Kinderchorleiter ausschreibt – verantwortet ebenfalls vom bis vor zwei Tagen noch Immatrikulierten. Schön, wenn die Saat aufgeht und Früchte trägt – so lässt sich Erntedank auch für einen Professor feiern! Und er ist ja nicht der einzige der Ehemaligen, der segensreich wirkt…